Vorwort

Junge Kunststudenten wenden sich gegen akademische Routine und suchen einen eigenen Weg

Die Geschichte der Nazarener beginnt nicht in Rom und auch nicht mit einem großen öffentlichen Auftritt. Sie beginnt in Wien mit einigen jungen Kunststudenten, die sich außerhalb des Unterrichts treffen. Sie zeigen einander ihre Zeichnungen, sprechen über Kunst, lesen Gedichte und prüfen gemeinsam, ob ihre Arbeiten den eigenen Vorstellungen entsprechen.

An der Wiener Kunstakademie lernen sie die Regeln der Historienmalerei, das genaue Zeichnen und den Aufbau großer Kompositionen. Doch ihnen fehlt etwas: Kunst soll für sie nicht nur technisch richtig und äußerlich wirkungsvoll sein. Sie soll aus innerer Überzeugung entstehen, moralische Bedeutung besitzen und den Betrachter auch geistig berühren.

Aus dieser Unzufriedenheit entwickelt sich zunächst ein Freundeskreis und schließlich eine Künstlergemeinschaft mit einem eigenen Namen, einem Zeichen und gemeinsamen Regeln: der Lukasbund.

Erst später, nach dem Umzug mehrerer Mitglieder nach Rom, wird aus seinem Umfeld jene Bewegung hervorgehen, die wir heute als die Nazarener kennen.

Das erfährst du in diesem Artikel

  • warum junge Kunststudenten mit ihrer Ausbildung in Wien unzufrieden waren,
  • wie Friedrich Overbeck und Franz Pforr zu engen Freunden wurden,
  • welche Künstler zum frühen Lukasbund gehörten,
  • warum sich die Gemeinschaft nach dem heiligen Lukas benannte,
  • welche Regeln und Ziele die Künstler miteinander verbanden,
  • weshalb vier Lukasbrüder 1810 nach Rom aufbrachen,
  • und in welchem Sinn ihre Gründung spätere Künstlergruppen vorwegnahm.

Kurz erklärt

Seit 1808 traf sich in Wien ein kleiner Kreis von Kunststudenten um Friedrich Overbeck und Franz Pforr. Die Freunde kritisierten eine akademische Ausbildung, die ihrer Meinung nach zu sehr auf erlernte Formen, technische Virtuosität und wiederholbare Erfolgsrezepte setzte.

1809 gab sich die Gemeinschaft eine festere Ordnung und den Namen Lukasbund. Der heilige Lukas galt traditionell als Schutzpatron der Maler. Die jungen Künstler verpflichteten sich auf Wahrheit, gegenseitige Unterstützung und die Erneuerung einer religiös und moralisch verstandenen Kunst.

1810 verließen Overbeck, Pforr, Ludwig Vogel und Johann Konrad Hottinger Wien und gingen nach Rom. Dort sollte aus dem kleinen Studentenbund eine weit größere und einflussreichere Künstlerbewegung entstehen.

Johann Friedrich Overbeck
Die Auferweckung des Lazarus
Christus steht über dem in Grabtücher gehüllten Lazarus, umgeben von dessen Schwestern und weiteren Zeugen; links erscheinen Overbeck und Franz Pforr.

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Johann Friedrich Overbeck: Die Auferweckung des Lazarus, 1808, Öl auf Leinwand. Das Wiener Frühwerk verbindet die biblische Erzählung mit einem Freundschaftsbild: Overbeck und Franz Pforr erscheinen am linken Rand als Zeugen des Wunders.

Warum junge Kunststudenten an der Wiener Akademie unzufrieden waren

Die Wiener Kunstakademie gehörte zu den angesehensten Ausbildungsstätten ihrer Zeit. Wer dort aufgenommen wurde, erhielt eine gründliche Schulung im Zeichnen, in Anatomie, Perspektive und Bildkomposition. Besonders wichtig war die Historienmalerei: großformatige Darstellungen aus Religion, Mythologie und Geschichte galten als höchste Aufgabe der Kunst.

Friedrich Overbeck kam 1806 nach Wien. Er hatte zuvor in Lübeck ersten Kunstunterricht erhalten und wurde an der Akademie durch den klassizistisch geprägten Unterricht Heinrich Friedrich Fügers ausgebildet. Auch Franz Pforr, Joseph Wintergerst, Ludwig Vogel, Johann Konrad Hottinger und Joseph Sutter studierten in diesem Umfeld.

Die Akademie war nicht einfach der Gegner

Es wäre zu kurz gegriffen, die jungen Künstler lediglich als Gegner jeder akademischen Ausbildung darzustellen. Sie profitierten von der Disziplin des Unterrichts und behielten vieles von dem, was sie dort gelernt hatten: klare Zeichnung, sorgfältige Vorbereitung und einen durchdachten Bildaufbau.

Ihre Kritik richtete sich vielmehr gegen eine Kunst, die ihrer Ansicht nach zu einer erlernbaren Routine geworden war. Wer die richtigen Figurenhaltungen, Kompositionsschemata und antiken Vorbilder beherrschte, konnte ein äußerlich korrektes Historienbild schaffen. Doch technische Sicherheit allein garantierte noch keine innere Bedeutung.

Die Freunde befürchteten, dass Künstler bestehende Muster wiederholten, statt selbstständig nach einem wahrhaftigen Ausdruck zu suchen.

Was meinten sie mit „Wahrheit“?

Mit Wahrheit war keine naturwissenschaftlich genaue Wiedergabe der sichtbaren Welt gemeint. Die jungen Künstler suchten nach einer Übereinstimmung von Kunst, persönlicher Überzeugung und moralischer Haltung.

Ein Bild sollte nicht nur geschickt gemalt sein. Der Künstler sollte hinter seinem Thema stehen und es innerlich durchdrungen haben. Religiöse Szenen sollten aus wirklichem Glauben entstehen, Gefühle sollten nicht bloß wie einstudierte Theatergesten wirken und historische Darstellungen sollten eine sittliche Bedeutung besitzen.

Damit verschob sich die Frage, was gute Kunst ausmacht. Nicht allein Professoren, Lehrpläne und Wettbewerbe sollten darüber entscheiden. Die Künstler beanspruchten zunehmend selbst das Recht, ihre Maßstäbe festzulegen.

Vorbilder außerhalb des akademischen Kanons

Anregungen fanden sie in der romantischen Literatur. Die Schriften Wilhelm Heinrich Wackenroders, Ludwig Tiecks und Friedrich Schlegels beschrieben Kunst als Ausdruck von Gefühl, Glaube und innerer Berufung.

Zugleich wandten sich die jungen Maler Werken zu, die im akademischen Unterricht nicht immer im Mittelpunkt standen: der deutschen Kunst des späten Mittelalters, Albrecht Dürer sowie italienischen Künstlern vor und während der frühen Renaissance.

Sie bewunderten die klare Erzählweise, die ruhigen Figuren und die religiöse Innigkeit dieser Bilder. Was späteren Betrachtern manchmal unbeholfen oder altertümlich erschien, wirkte auf sie ursprünglich und glaubwürdig.

Die Künstler wollten daher nicht einfach etwas noch nie Dagewesenes erfinden. Sie suchten einen neuen Weg, indem sie hinter die Kunst ihrer eigenen Gegenwart zurückgingen. Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Johann Friedrich Overbeck
Der Maler Franz Pforr
Franz Pforr in roter altdeutscher Kleidung an einem weinumrankten gotischen Fenster, mit Katze und einer lesenden Frau im Hintergrund.

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Johann Friedrich Overbeck: Der Maler Franz Pforr, 1810/1865, Öl auf Leinwand, 62 × 47 cm, Alte Nationalgalerie, Berlin. Das Idealbildnis verbindet die Freundschaft der beiden Künstler mit dem Kunstprogramm des frühen Lukasbundes.

Wie aus der Freundschaft von Overbeck und Pforr ein Künstlerbund wurde

Im Mittelpunkt der frühen Gemeinschaft standen Friedrich Overbeck und Franz Pforr. Beide waren noch sehr jung, als sie sich an der Wiener Akademie begegneten. Overbeck stammte aus einer angesehenen protestantischen Familie in Lübeck. Pforr kam aus Frankfurt am Main und war in einer Künstlerfamilie aufgewachsen.

Ihre Freundschaft beruhte nicht nur auf persönlicher Zuneigung. Sie wurde zu einer Form künstlerischer Zusammenarbeit.

Kunst entsteht im Gespräch

Overbeck und Pforr zeigten einander ihre Entwürfe, besprachen Fehler und suchten gemeinsam nach Verbesserungen. Bald beteiligten sich weitere Studenten an diesen Treffen. Die jungen Künstler brachten Zeichnungen mit, verglichen Kompositionen und übten gegenseitige Kritik.

Dazu kamen Gespräche über Literatur, Religion und Geschichte. Gedichte, Märchen und Briefe waren für die Gruppe nicht bloß Unterhaltung. Sie halfen den Künstlern, ihre Vorstellungen von Freundschaft, Liebe, Glauben und einer erneuerten Kunst auszudrücken.

Der private Freundeskreis wurde so zu einer selbst gewählten Schule innerhalb der offiziellen Akademie.

Freundschaft als künstlerisches Programm

Für Overbeck und Pforr war Freundschaft mehr als ein angenehmer Teil ihres Lebens. Sie sahen darin eine Voraussetzung für bessere Kunst. Freunde sollten einander nicht als Konkurrenten betrachten, sondern sich gegenseitig auf Fehler hinweisen und beim Erreichen eines gemeinsamen Ziels unterstützen.

Dieses Ideal unterschied sich von einem Kunstbetrieb, in dem Studenten um Preise, Stipendien und Anerkennung konkurrierten. Die Lukasbrüder wollten den persönlichen Erfolg nicht vollständig aufgeben, aber sie stellten ihm ein gemeinschaftliches Modell gegenüber.

Später drückten Overbeck und Pforr ihre Verbindung auch in Bildern aus. Pforrs Allegorie der Freundschaft und seine Darstellung Sulamith und Maria wurden zu wichtigen Programmbildern des Bundes. Overbeck entwickelte als Antwort darauf die Komposition, die später unter dem Titel Italia und Germania bekannt wurde.

Die Freundschaft zwischen zwei Studenten erhielt damit eine größere Bedeutung: Sie wurde zum Vorbild für eine Gemeinschaft, in der Kunst und Leben nicht voneinander getrennt sein sollten. Freies Deutsches Hochstift

Keine lockere Studentenrunde

Trotz ihrer Begeisterung verstanden sich die jungen Künstler nicht als sorglose Bohemiens. Ihre Treffen waren von Disziplin, Arbeitsplänen und moralischem Ernst geprägt. Sie erwarteten voneinander, regelmäßig zu arbeiten, Kritik anzunehmen und den eigenen künstlerischen Anspruch auch im persönlichen Leben ernst zu nehmen.

Darin kündigte sich bereits ein Gedanke an, der später für die Nazarener besonders wichtig wurde: Ein Künstler sollte die Überzeugungen, die er in seinen Bildern vertrat, möglichst auch selbst leben.

Rogier van der Weyden
Der heilige Lukas zeichnet die Madonna
Der heilige Lukas kniet rechts und zeichnet die links sitzende Maria, die das Jesuskind stillt; dahinter öffnen sich Garten, Stadt und Flusslandschaft.

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Rogier van der Weyden: Der heilige Lukas zeichnet die Madonna, um 1435–1440, Öl und Tempera auf Eichenholz, 137,5 × 110,8 cm, Museum of Fine Arts, Boston. Der Schutzpatron der Maler wurde 1809 zum Namensgeber des Lukasbundes.

Wie sich der Lukasbund 1809 organisierte

Die ersten privaten Treffen fanden bereits 1808 statt. Im folgenden Jahr erhielt die Gemeinschaft eine festere Form. 1809 gilt deshalb als das eigentliche Gründungsjahr des Lukasbundes.

Die Künstler verfassten Regeln, entwickelten ein gemeinsames Zeichen und gaben ihrem Zusammenschluss einen Namen. Aus einem Freundeskreis wurde eine bewusst organisierte Künstlervereinigung.

Wer gehörte zum frühen Wiener Kreis?

Zum frühen Kern werden gewöhnlich sechs Kunststudenten gezählt:

KünstlerBedeutung für den frühen Lukasbund
Friedrich OverbeckMitbegründer und eine der prägenden Persönlichkeiten der Gemeinschaft
Franz PforrMitbegründer, enger Freund Overbecks und wichtiger Vertreter mittelalterlicher Themen
Joseph WintergerstBeteiligte sich an den frühen Treffen, Bildbesprechungen und gemeinsamen Plänen
Ludwig VogelSchweizer Maler und Mitglied der Gruppe, die 1810 nach Rom ging
Johann Konrad HottingerSchweizer Künstler und Teilnehmer am gemeinsamen Aufbruch nach Rom
Joseph SutterÖsterreichischer Maler aus dem frühen Kreis und Mitgestalter der Gemeinschaft

Museen und kunsthistorische Darstellungen zählen die Gründungsmitglieder nicht immer vollkommen einheitlich. Manche nennen fünf, andere sechs Künstler. Das liegt vor allem daran, dass der Lukasbund nicht an einem einzigen Abend aus dem Nichts entstand. Er entwickelte sich schrittweise aus einem Freundes- und Arbeitskreis.

Das Städel Museum führt Overbeck, Pforr, Sutter und Vogel ausdrücklich als Gründungsmitglieder und zahlreiche weitere Künstler als spätere Mitglieder beziehungsweise Angehörige des erweiterten Bundes. Städel Museum

Warum hieß die Gemeinschaft Lukasbund?

Der Evangelist Lukas galt seit dem Mittelalter als Schutzpatron der Maler. Einer Legende zufolge soll er ein Bild der Jungfrau Maria geschaffen haben. Mittelalterliche und frühneuzeitliche Malergilden stellten sich deshalb häufig unter seinen Schutz.

Mit dem Namen Lukasbund knüpften die Studenten bewusst an diese Tradition an. Sie verstanden sich nicht nur als moderne Berufsvereinigung, sondern beinahe als Bruderschaft oder Orden.

Der Name verband mehrere ihrer Vorstellungen:

  • Kunst und Religion sollten wieder enger zusammengehören.
  • Die Gemeinschaft sollte wichtiger sein als bloße Konkurrenz.
  • Der Künstler sollte sich moralisch zu seinem Werk bekennen.
  • Mittelalterliche Werkstätten und Gilden erschienen als Alternative zur modernen Akademie.
  • Das gemeinsame Ziel sollte über den Erfolg des Einzelnen hinausweisen.

Regeln, Bundesbrief und Erkennungszeichen

Der Lukasbund gab sich eine eigene Verfassung. Darin verpflichteten sich die Mitglieder zu einer Kunst, die sich gegen bloße akademische Manier richtete. Regelmäßige Arbeit, gegenseitige Kritik und die Suche nach Wahrheit gehörten zum Selbstverständnis der Gruppe.

Auch ein eigenes Bundeszeichen entstand. In seiner Vignette erschien der heilige Lukas. Buchstaben verwiesen auf die Namen der frühen Mitglieder, während ein „W“ für „Wahrheit“ stand.

Dieses Zeichen war mehr als eine dekorative Spielerei. Es machte die gemeinsame Identität sichtbar. Die Künstler wollten ihre Werke nicht nur als Leistungen einzelner Personen verstanden wissen, sondern als Beiträge zu einem größeren künstlerischen Vorhaben.

War der Lukasbund bereits eine moderne Künstlergruppe?

In vieler Hinsicht wirkte die Gemeinschaft bewusst vormodern. Ihre Mitglieder orientierten sich an religiösen Bruderschaften, mittelalterlichen Gilden und älteren Kunstformen.

Ihre Art der Selbstorganisation weist jedoch voraus:

  • Die Künstler formulierten ein eigenes Programm.
  • Sie grenzten sich von einer etablierten Institution ab.
  • Sie entwickelten gemeinsame Regeln und ein eigenes Erkennungszeichen.
  • Sie unterstützten und kontrollierten einander.
  • Sie verbanden künstlerische Arbeit mit einer gemeinsamen Lebenshaltung.

Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen bezeichnen den Lukasbund deshalb als eine frühe Abspaltung einer Künstlergruppe von der offiziellen Kunst. Er war noch keine Sezession im späteren organisatorischen Sinn. Dennoch erprobte er etwas, das im 19. und 20. Jahrhundert immer wieder wichtig werden sollte: Künstler schließen sich zusammen, um unabhängig von bestehenden Institutionen eigene Maßstäbe zu vertreten.

Eine männlich geprägte Gemeinschaft

Der Gründungskreis bestand ausschließlich aus Männern. Das bedeutet nicht, dass es zu dieser Zeit keine Künstlerinnen gab. Frauen besaßen jedoch keinen gleichberechtigten Zugang zu allen Ausbildungswegen, insbesondere zum akademischen Aktstudium und zu den einflussreichen Netzwerken der Kunstinstitutionen.

Künstlerinnen wie Marie Ellenrieder wurden später mit der nazarenischen Kunst in Verbindung gebracht. An der Gründung des Wiener Lukasbundes waren sie jedoch nicht beteiligt.

Die männliche Zusammensetzung der Gruppe war somit nicht nur eine persönliche Entscheidung. Sie spiegelte zugleich die begrenzten Bildungsmöglichkeiten und gesellschaftlichen Strukturen ihrer Zeit.

Franz Pforr
Raffael, Fra Angelico und Michelangelo auf einer Wolke über Rom
Raffael, Fra Angelico und Michelangelo schweben auf einer Wolke über Rom; unter ihnen sind Petersdom, Vatikan und Engelsburg zu erkennen.

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Franz Pforr: Raffael, Fra Angelico und Michelangelo auf einer Wolke über Rom, 1810, Bleistiftzeichnung, Städel Museum, Frankfurt am Main. Die drei verehrten Meister verkörpern das künstlerische und religiöse Ideal, dem die Lukasbrüder in Rom näherkommen wollten.

Warum vier Lukasbrüder 1810 nach Rom aufbrachen

Die Spannungen mit der Wiener Akademie nahmen zu. Als die während der napoleonischen Kriege zeitweise geschlossene Akademie wieder geöffnet wurde, fanden sich Mitglieder des Bundes ausgeschlossen beziehungsweise ohne eine tragfähige Perspektive innerhalb der Institution.

Doch der Aufbruch nach Rom war nicht nur eine Flucht vor Schwierigkeiten. Er gehörte zum künstlerischen Programm der Freunde.

Rom als Gegenbild zur Akademie

Rom versprach die unmittelbare Begegnung mit Werken, die sie bisher vor allem aus Zeichnungen, Stichen und Büchern kannten. Dort konnten sie Kirchen, Fresken und Altäre des Mittelalters und der Renaissance vor Ort studieren.

Besonders wichtig waren ihnen nicht die antiken Ruinen allein. Sie suchten das christliche Rom sowie die Kunst Giottos, Peruginos und des jungen Raffael. In diesen Werken glaubten sie jene Verbindung von Klarheit, Schönheit und religiöser Überzeugung zu finden, die sie in ihrer Gegenwart vermissten.

Zugleich bot Rom Abstand zur Wiener Akademie. Die Künstler hofften, dort nach eigenen Regeln arbeiten und ihre Gemeinschaft auch im Alltag verwirklichen zu können.

Wer ging 1810 nach Rom?

Im Mai 1810 verließen vier Mitglieder Wien:

  • Friedrich Overbeck,
  • Franz Pforr,
  • Ludwig Vogel,
  • Johann Konrad Hottinger.

Joseph Wintergerst folgte ihnen 1811. Auch weitere Künstler schlossen sich in Rom nach und nach dem Kreis an. Dadurch wuchs aus dem kleinen Wiener Bund ein weitaus größeres Netzwerk.

Die Reise war eine folgenschwere Entscheidung. Die Freunde ließen eine anerkannte Ausbildungsstätte und mögliche akademische Laufbahnen zurück. Sie wussten noch nicht, ob ihr gemeinsames Projekt dauerhaft bestehen oder ihnen öffentliche Anerkennung verschaffen würde.

Von den Lukasbrüdern zu den Nazarenern

Als die ersten Mitglieder Wien verließen, nannten sie sich Lukasbrüder. Die Bezeichnung „Nazarener“ entstand erst später in Rom.

Der Name war zunächst keine selbst gewählte offizielle Bezeichnung. Zeitgenossen spielten damit auf das lange Haar, die altertümlich wirkende Kleidung und das religiöse Auftreten der Künstler an. Spätestens seit den späten 1810er-Jahren wurde der Ausdruck auf den erweiterten Künstlerkreis übertragen.

Deshalb sollten Lukasbund und Nazarener nicht vollkommen gleichgesetzt werden:

  • Der Lukasbund bezeichnet zunächst die 1809 in Wien organisierte Gemeinschaft.
  • Die Nazarener bilden den späteren und wesentlich größeren Künstlerkreis, der sich in Rom entwickelte.
  • Nicht jeder spätere Nazarener war Mitglied des Wiener Gründungsbundes.
  • Nicht jedes frühe Mitglied blieb dauerhaft Teil der Bewegung.

Ein Aufbruch mit offenem Ausgang

Nach ihrer Ankunft in Rom bezogen die Künstler Räume im ehemaligen Kloster Sant’Isidoro. Dort versuchten sie, gemeinsames Arbeiten, religiöse Orientierung und einen geregelten Alltag miteinander zu verbinden.

Wie dieses Zusammenleben aussah, welche Spannungen entstanden und warum sich weitere Künstler anschlossen, gehört zur nächsten Etappe der Geschichte.

Für die Entstehung der Nazarener war der Aufbruch von 1810 jedoch entscheidend. Aus der Kritik einiger Studenten wurde eine gelebte Alternative zur Akademie. Die Freunde beschränkten sich nicht mehr darauf, über eine andere Kunst zu sprechen. Sie verließen ihre vertraute Umgebung, um ihre Vorstellungen gemeinsam zu erproben.

Nachbereitung

Kurz zusammengefasst

  • Der spätere Nazarenerkreis entstand an der Wiener Kunstakademie.
  • Seit 1808 trafen sich junge Studenten zu privaten Werkbesprechungen.
  • Ihre Kritik richtete sich gegen akademische Routine, nicht gegen sorgfältige Ausbildung an sich.
  • Overbeck und Pforr machten Freundschaft und gegenseitige Kritik zur Grundlage ihrer Kunst.
  • 1809 gab sich die Gemeinschaft den Namen Lukasbund und eine eigene Verfassung.
  • Zum frühen Kern gehörten Overbeck, Pforr, Wintergerst, Vogel, Hottinger und Sutter.
  • Der heilige Lukas verwies auf mittelalterliche Malergilden und die Verbindung von Kunst und Religion.
  • Wahrheit, innere Überzeugung, Gemeinschaft und moralischer Ernst gehörten zu den wichtigsten Zielen.
  • 1810 gingen Overbeck, Pforr, Vogel und Hottinger nach Rom.
  • Erst dort entwickelte sich aus dem Lukasbund der größere Kreis der Nazarener.
  • Die Gemeinschaft war rückwärtsgewandt in ihren Vorbildern, aber zukunftsweisend in ihrer Selbstorganisation.

Häufige Fragen zur Entstehung des Lukasbundes

Wurde der Lukasbund 1808 oder 1809 gegründet?

Beide Jahreszahlen begegnen in der Literatur. Der Freundes- und Arbeitskreis formierte sich bereits 1808. Im Jahr 1809 erhielt die Gemeinschaft eine Verfassung, ein gemeinsames Zeichen und den Namen Lukasbund. Deshalb wird 1809 gewöhnlich als offizielles Gründungsjahr genannt.

Wie viele Gründungsmitglieder hatte der Lukasbund?

Meist werden sechs Künstler zum frühen Wiener Kern gezählt: Friedrich Overbeck, Franz Pforr, Joseph Wintergerst, Ludwig Vogel, Johann Konrad Hottinger und Joseph Sutter. Einzelne Museen und Darstellungen nennen nur vier oder fünf ausdrückliche Gründungsmitglieder, weil sich die Gemeinschaft schrittweise entwickelte.

Warum lehnten die Lukasbrüder die Akademie ab?

Sie lehnten nicht jede akademische Ausbildung ab. Ihre Kritik richtete sich gegen routinierte Bildformeln, bloße Virtuosität und eine Kunst, die ihrer Ansicht nach zu wenig mit der persönlichen Überzeugung des Künstlers verbunden war.

Warum wurde der heilige Lukas zum Namenspatron?

Lukas galt traditionell als Schutzpatron der Maler. Mit seinem Namen knüpfte der Bund an mittelalterliche Malergilden an und betonte zugleich die religiöse Ausrichtung seiner Kunst.

Waren die Lukasbrüder von Anfang an katholisch?

Nein. Friedrich Overbeck stammte beispielsweise aus einem protestantischen Elternhaus und trat erst 1813 in Rom zum katholischen Glauben über. Die frühen Mitglieder verband zunächst das Interesse an religiöser Kunst und einer christlich verstandenen Erneuerung, nicht eine einheitliche Konfession.

Nannten sich die Künstler bereits in Wien Nazarener?

Nein. In Wien bezeichneten sie sich als Lukasbrüder. Der Name Nazarener entstand erst später in Rom und wurde zunächst von Außenstehenden verwendet.

Welche Mitglieder gingen 1810 nach Rom?

Friedrich Overbeck, Franz Pforr, Ludwig Vogel und Johann Konrad Hottinger brachen 1810 gemeinsam nach Rom auf. Joseph Wintergerst folgte 1811.

War der Lukasbund die erste moderne Sezession?

Er war keine Sezession im organisatorischen Sinn der späteren Wiener oder Münchner Sezessionen. Der Lukasbund war jedoch eine frühe Künstlergemeinschaft, die sich bewusst von einer offiziellen Kunstinstitution abgrenzte und eigene Regeln, Ziele und Arbeitsformen entwickelte.

Die Nazarener – Gemeinschaft, religiöse Erneuerung und Wirkung
Der Übersichtsartikel stellt die Künstlergruppe, ihre wichtigsten Mitglieder, ihre religiöse Bildsprache und ihre Stellung auf dem Weg in die Moderne vor.

Leben und Arbeiten in Sant’Isidoro: Kunst als gemeinsamer Lebensentwurf
Der nächste Artikel verfolgt, wie die Lukasbrüder in Rom zusammenlebten, arbeiteten und aus ihren Vorstellungen einen gemeinsamen Alltag formten.

Künstlergemeinschaften und Sezessionen: Gemeinsam Freiräume schaffen
Hier erfährst du, warum Künstler eigene Gruppen gründeten und wie gemeinschaftliche Organisation zu einem wichtigen Motor der modernen Kunst wurde.

Franz Pforr – Allegorie der Freundschaft
Die Werkseite zeigt, wie Pforr Freundschaft, Religion und gemeinsame künstlerische Ideale in ein vielschichtiges Programmbild verwandelte.

Johann Friedrich Overbeck – Selbstbildnis mit Bibel
Overbecks frühes Selbstbildnis macht sichtbar, wie eng persönlicher Glaube, Studium und künstlerischer Anspruch bereits vor der Gründung des Lukasbundes miteinander verbunden waren.

Städel Museum – Lukasbund
Die digitale Sammlung ordnet Künstler dem Lukasbund zu und bietet weiterführende Verbindungen zu Mitgliedern und Werken.

Alte Nationalgalerie – Maltechnik der Nazarener
Das Forschungsprojekt untersucht die frühen Wiener und römischen Jahre sowie das Interesse der Künstler an den Materialien und Techniken ihrer historischen Vorbilder.

Freies Deutsches Hochstift – Lukasbrüder und Nazarener
Der Museumsbeitrag erläutert die Freundschaft zwischen Overbeck und Pforr, den Bundesbrief und die Bedeutung ihrer programmatischen Freundschaftsbilder.

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