Zwischen Naturmotiv und abstraktem Zeichen: In „Der Schwan, Nr. 1“ begegnen sich ein weißer und ein schwarzer Schwan als Sinnbilder gegensätzlicher Kräfte.
Hilma af Klint creator QS:P170,Q436267, Hilma af Klint - 1915 - The Swan - No 1 - Group IX-SUW - The SUW-UW Series, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Hilma af Klints Werk führt von sorgfältig beobachteten Pflanzen, Landschaften und Porträts zu monumentalen Bildern, in denen Spiralen, Kreise, Buchstaben und leuchtende Farbflächen eine eigene Wirklichkeit bilden. Dazwischen liegen automatische Zeichnungen, spirituelle Botschaften, naturwissenschaftliche Interessen und der Versuch, die unsichtbaren Zusammenhänge des Lebens sichtbar zu machen.
Diese Entwicklung verläuft nicht geradlinig. Hilma af Klint gibt die gegenständliche Malerei nicht einfach auf, um immer abstrakter zu werden. Über viele Jahre bestehen unterschiedliche Formen ihrer Kunst nebeneinander. Sie malt naturgetreue Bilder für Ausstellungen und Auftraggeber, während sie zugleich im Verborgenen an einer vollkommen anderen Bildwelt arbeitet.
Gerade diese Verbindung macht ihr Werk so außergewöhnlich. Natur und Abstraktion, Wissenschaft und Spiritualität, bewusste Gestaltung und intuitives Entstehen sind für Hilma af Klint keine unvereinbaren Gegensätze. Sie gehören zu einer umfassenden Suche nach einer Ordnung, die hinter der sichtbaren Welt liegen könnte.
Vom Sichtbaren zum Unsichtbaren
Hilma af Klint verfügt über eine gründliche akademische Ausbildung. Sie beherrscht Perspektive, Anatomie, Porträtmalerei und die genaue Darstellung von Pflanzen und Landschaften. Ihre frühen Arbeiten zeigen, dass sie Gegenstände und Menschen wirklichkeitsnah wiedergeben kann.
Diese Bilder dienen auch ihrem Lebensunterhalt. Porträts, Landschaften und botanische Illustrationen werden ausgestellt oder für konkrete Auftraggeber angefertigt. Hilma af Klint ist damit bereits eine professionelle und öffentlich anerkannte Künstlerin, bevor ihre abstrakten Arbeiten entstehen.
Es wäre dennoch falsch, ihre gegenständliche Malerei lediglich als Brotberuf abzutun. Die genaue Beobachtung der Natur bleibt für ihr gesamtes Werk wichtig. Blüten, Samen, Schnecken, Muscheln, Zellen und verzweigte Pflanzenformen kehren später in veränderter Gestalt in ihren spirituellen Bildern wieder.
Die Natur als sichtbare Oberfläche
Schon in ihren frühen Pflanzenstudien interessiert Hilma af Klint nicht nur das Aussehen einer Blume. Sie beobachtet Wachstumsrichtungen, Symmetrien und wiederkehrende Formen. Eine Pflanze ist für sie ein lebendiges Gebilde, dessen äußere Erscheinung auf eine innere Ordnung schließen lässt.
In späteren Naturstudien stellt sie einer sorgfältig gemalten Pflanze abstrakte Diagramme gegenüber. Kreise, Spiralen, Dreiecke und Linien sollen das zeigen, was nach ihrer Vorstellung hinter der sichtbaren Blüte liegt. Gegenständliche Darstellung und Abstraktion erscheinen dabei nicht als Gegensätze, sondern als zwei unterschiedliche Ansichten desselben Lebens.
Diese Denkweise verbindet ihr Frühwerk mit den späteren Tempelbildern. Hilma af Klint erfindet ihre abstrakten Formen nicht unabhängig von der Natur. Sie löst Strukturen aus sichtbaren Erscheinungen heraus und überträgt sie in eine neue Bildsprache.
Das automatische Zeichnen als Wendepunkt
Eine entscheidende Veränderung beginnt durch die Zusammenarbeit mit „De Fem“. Die fünf Frauen schreiben und zeichnen während ihrer spiritistischen Sitzungen, ohne jede Bewegung des Stiftes bewusst zu planen.
Dabei entstehen Spiralen, stilisierte Blüten, verschlungene Linien und erste geometrische Zeichen. Nicht jedes dieser Blätter stammt allein von Hilma af Klint. Die Frauen wechseln sich ab, und die individuelle Urheberschaft ist für die Gruppe häufig unwichtig.
Für Hilma af Klint werden diese Experimente dennoch zu einem künstlerischen Befreiungsraum. Sie muss nun kein sichtbares Motiv mehr abbilden und keine akademisch geplante Komposition ausführen. Eine Linie darf sich entwickeln, ohne dass ihr Ziel von Anfang an feststeht.
Das automatische Zeichnen öffnet damit einen Weg zwischen Kontrolle und Loslassen. Hilma af Klint kann ihre handwerkliche Erfahrung nutzen, ohne sich vollständig an die Regeln ihrer Ausbildung zu binden. Aus diesem Spannungsverhältnis entwickelt sich ihre neue Kunst.
„Kindheit“ eröffnet die zehnteilige Reihe „Die zehn Größten“, in der Hilma af Klint die verschiedenen Lebensalter als monumentale Farb- und Formenwelten darstellte.
Hilma af Klint creator QS:P170,Q436267 , Hilma af Klint - The Ten Largest No. 1 - Childhood - 1907, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Ein Gesamtwerk aus Reihen und Entwicklungsstufen
Hilma af Klints spirituelle Kunst besteht nur selten aus einzelnen, voneinander unabhängigen Gemälden. Sie arbeitet bevorzugt in Reihen, Gruppen und umfangreichen Zyklen. Ein Bild verweist auf das vorherige und bereitet das nächste vor.
Diese serielle Ordnung ist ein wesentlicher Bestandteil ihres Werkes. Die Bilder sollen nicht nur nebeneinander an einer Wand hängen, sondern einen Entwicklungsweg beschreiben. Themen und Formen verändern sich von Bild zu Bild, Gegensätze treten aufeinander und nähern sich schließlich an.
Die Künstlerin nummeriert ihre Arbeiten, erstellt Verzeichnisse und hält ihre Gedanken in Notizbüchern fest. Ihr Nachlass erinnert deshalb nicht nur an ein Atelier, sondern ebenso an ein Archiv oder eine Forschungsstätte.
Die „Gemälde für den Tempel“
Das Zentrum ihres Lebenswerks bilden die 193 „Gemälde für den Tempel“, die zwischen 1906 und 1915 entstehen. Der Zyklus ist in zahlreiche Gruppen und Serien gegliedert, darunter „Urchaos“, „Eros“, „Die zehn Größten“, „Evolution“, „Der Siebenstern“, „Der Schwan“, „Die Taube“ und die drei „Altarbilder“.
Das gemeinsame Thema ist Entwicklung. Hilma af Klint beschäftigt sich mit der Entstehung der materiellen Welt, den Lebensaltern des Menschen und dem Verhältnis zwischen Körper und Geist. Gegensätze wie männlich und weiblich, hell und dunkel oder aufsteigend und absteigend treiben diese Entwicklung an.
Das Ziel liegt nicht in der Herrschaft eines Pols über den anderen. Hilma af Klint sucht vielmehr nach einer höheren Einheit, in der Gegensätze miteinander verbunden bleiben und dennoch ihren trennenden Charakter verlieren.
Die einzelnen Serien verwenden dafür sehr unterschiedliche künstlerische Mittel. Einige Bilder wirken wie farbige Diagramme, andere wie kosmische Karten oder ornamentale Wandgestaltungen. Manche enthalten erkennbare Tiere und Pflanzen, während andere fast vollständig aus geometrischen Formen bestehen.
„Die zehn Größten“ – das menschliche Leben in Farbe
Zu den eindrucksvollsten Arbeiten gehören „Die zehn Größten“ aus dem Jahr 1907. Die mehr als drei Meter hohen Bilder stellen Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter und Alter dar.
Hilma af Klint verzichtet dabei auf Menschen und erzählerische Szenen. Stattdessen verwandelt sie die Lebensalter in Farben, Bewegungen und Rhythmen. Blüten, Spiralen, Kreise, Schriftzeichen und biologische Formen schweben auf blauen, orangefarbenen, violetten und rosafarbenen Flächen.
Die Bilder der Kindheit und Jugend wirken häufig lebhaft und verspielt. Formen scheinen zu wachsen, sich zu teilen und durch den Bildraum zu bewegen. Im Erwachsenenalter werden die Kompositionen dichter und vielschichtiger. Die Darstellungen des Alters sind ruhiger, leerer und stärker geometrisch geordnet.
Der Betrachter steht vor diesen Werken nicht wie vor einem Fenster, durch das er in einen gemalten Raum blickt. Die Farbflächen breiten sich unmittelbar vor seinem Körper aus. Aufgrund ihrer Größe können die Bilder das gesamte Blickfeld ausfüllen und beinahe wie eine begehbare Umgebung wirken.
Vom Schwan zu den Altarbildern
Die Serie „Der Schwan“ beginnt mit zwei deutlich erkennbaren Tieren. Ein schwarzer und ein weißer Schwan begegnen sich vor einem geteilten Hintergrund. Im Verlauf der 24 Bilder lösen sich ihre Körper immer weiter in Kreise, Linien und Farbfelder auf.
Damit lässt sich innerhalb einer einzigen Werkgruppe beobachten, wie Hilma af Klint zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion wechselt. Die Tiere verschwinden nicht einfach. Ihre Beziehung wird in eine geometrische Ordnung übersetzt.
Auch in „Die Taube“ verbindet Hilma af Klint erkennbare Symbole mit abstrakten Formen. Die Taube kann für Geist, Frieden und Liebe stehen. Daneben erscheint der Kampf des heiligen Georg mit dem Drachen als Bild für die Auseinandersetzung zwischen Licht und Dunkelheit.
Die drei „Altarbilder“ bilden den Abschluss der Tempelbilder. Große Dreiecke beschreiben eine aufsteigende und eine absteigende Bewegung. Ein goldener Kreis fasst die verschiedenen Wege schließlich in einem Bild der Einheit zusammen.
Nach Abschluss des Tempelzyklus arbeitet Hilma af Klint mit größerer Freiheit weiter. In „Parsifal“ wird die Suche nach Erkenntnis zu einer inneren Reise. Die Serie „Das Atom“ verbindet moderne naturwissenschaftliche Vorstellungen mit der Idee einer geistigen Entsprechung der Materie.
Im „Baum der Erkenntnis, Nr. 1“ verbinden sich pflanzliches Wachstum, paarweise angeordnete Zeichen und kreisende Linien zu einer vieldeutigen symbolischen Ordnung.
Hilma af Klint creator QS:P170,Q436267 , Tree of Knowledge No. 1, Hilma af Klint, 1913-1915, Glenstone 2023, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Farben, Formen und wiederkehrende Zeichen
Hilma af Klints Bilder lassen sich nicht allein über ihre äußere Wirkung verstehen. Viele Farben, Formen, Tiere, Pflanzen und Buchstaben besitzen innerhalb ihrer Vorstellungswelt bestimmte Bedeutungen.
Diese Symbolik ist jedoch kein lückenloses Geheimschrift-System. Ein Zeichen kann in unterschiedlichen Zusammenhängen verschiedene Aufgaben übernehmen. Auch Hilma af Klints Notizbücher liefern keinen Schlüssel, mit dem sich jedes Bild eindeutig übersetzen ließe.
Die folgende Übersicht bietet deshalb nur eine erste Orientierung:
- Blau - weibliches Prinzip
- Gelb - männliches Prinzip
- Rosa - Eros, Liebe und verbindende Kraft
- Schwarz und Weiß - gegensätzliche Kräfte wie Licht und Dunkelheit
- Spirale oder Schnecke - Entwicklung, Wachstum und Evolution
- Kreis - Einheit, Ganzheit oder ein kosmischer Zusammenhang
- Zwei sich überschneidende Kreise - Annäherung von Gegensätzen und Entwicklung zur Einheit
- Dreieck - Aufstieg oder Abstieg zwischen geistiger und materieller Welt
- Buchstabe U - häufig der Geist
- Buchstabe W - häufig die Materie
- Schwan - das Ätherische und die Vereinigung von Gegensätzen
- Taube - Geist, Liebe, Frieden und Einheit
Diese Bedeutungen stammen aus Hilma af Klints eigenen Aufzeichnungen und aus den religiösen und esoterischen Traditionen, mit denen sie sich beschäftigt. Sie sollten dennoch nicht wie feste Übersetzungen verwendet werden. Farbe, Position, Größe und die Verbindung mit anderen Zeichen verändern den jeweiligen Zusammenhang.
Spiralen, Kreise und Bewegungen
Die Spirale gehört zu den häufigsten Formen in Hilma af Klints Bildern. Sie kann sich nach außen öffnen oder nach innen zusammenziehen. Dadurch vermittelt sie gleichzeitig Wachstum und Rückkehr, Ausbreitung und Konzentration.
Eine Spirale steht selten still. Auch wenn sie nur aus einer gemalten Linie besteht, enthält sie eine Richtung und eine mögliche Bewegung. Sie eignet sich deshalb besonders gut, um Entwicklung sichtbar zu machen, ohne eine konkrete Geschichte erzählen zu müssen.
Kreise können Ganzheit, kosmische Ordnung oder einen geistigen Mittelpunkt darstellen. Überschneiden sich zwei Kreise, entsteht in ihrer Mitte eine mandelförmige Fläche, die als „Vesica piscis“ bezeichnet wird. Dieses alte Symbol verwendet Hilma af Klint für die Annäherung von Gegensätzen und den Weg zu einer neuen Einheit.
Dreiecke bringen eine andere Form der Bewegung ins Bild. Zeigt ihre Spitze nach oben, können sie für einen Aufstieg aus der Materie in eine geistige Welt stehen. Ein nach unten gerichtetes Dreieck beschreibt den umgekehrten Weg: das Eintreten des Geistigen in die sichtbare Wirklichkeit.
Pflanzen, Samen und biologische Formen
Viele Gebilde in Hilma af Klints Bildern erinnern an Blumen, Blütenblätter, Eier, Samen oder menschliche Fortpflanzungsorgane. Diese Formen verbinden Spiritualität mit körperlichem Leben.
Ein Samen enthält etwas, das noch nicht sichtbar entwickelt ist. Eine Blüte kann für Entfaltung stehen, ein Ei für den Beginn eines neuen Zustands. Auch Teilung, Befruchtung und Wachstum werden zu Bildern einer umfassenden geistigen Evolution.
Dabei betrachtet Hilma af Klint Körperlichkeit nicht als Gegensatz zum Geist. Die Entwicklung des Bewusstseins beginnt für sie mitten in der materiellen Welt. Naturformen eignen sich deshalb dazu, sowohl körperliche als auch seelische Vorgänge darzustellen.
Ihre Bilder können an botanische Tafeln, mikroskopische Ansichten oder wissenschaftliche Diagramme erinnern. Gleichzeitig bleiben sie farbenreich, ornamental und sinnlich. Sie erklären nicht nur, sondern erzeugen eine unmittelbare bildliche Wirkung.
Buchstaben und Wörter ohne eindeutigen Schlüssel
Neben Formen und Farben verwendet Hilma af Klint immer wieder einzelne Buchstaben, Buchstabengruppen und Wörter. Einige Zuordnungen lassen sich aus ihren Notizen erschließen. So bezeichnet U häufig den Geist und W die Materie.
Andere Kombinationen bleiben offen. Derselbe Buchstabe kann je nach Bildzusammenhang unterschiedliche Bedeutungen besitzen. Manche Wörter lassen sich lesen, andere wirken wie Abkürzungen oder Bestandteile einer unbekannten Sprache.
Die Schriftzeichen erfüllen dadurch mehrere Aufgaben. Sie können einen Gedanken benennen, eine Form ergänzen oder wie ein visueller Klang durch das Bild laufen. Besonders in „Die zehn Größten“ verbinden sich geschwungene Wörter und Linien zu einer Art gemaltem Gedicht.
Hilma af Klints Bilder sind daher nicht wie Rätsel angelegt, bei denen am Ende nur eine richtige Lösung wartet. Ihre Notizen helfen bei der Annäherung, beseitigen aber nicht jede Mehrdeutigkeit.
Körper, Spiralen und geometrische Strukturen verschmelzen in diesem Werk zu einer Bildwelt zwischen Naturbeobachtung, kosmischer Ordnung und spiritueller Erfahrung.
Kunst, Forschung und spirituelle Erfahrung
Hilma af Klint bezeichnet sich nicht nur als Künstlerin. In ihrem Werk handelt sie zugleich als Beobachterin, Forscherin und Medium.
Ihre Arbeitsweise verbindet scheinbar gegensätzliche Vorgehensweisen. Einerseits lässt sie Linien intuitiv oder unter einer von ihr empfundenen geistigen Führung entstehen. Andererseits ordnet sie die Ergebnisse mit großer Genauigkeit, nummeriert sie und versieht sie mit schriftlichen Erläuterungen.
Diese Verbindung unterscheidet ihre Kunst von einer rein spontanen Malerei. Das intuitive Bild wird anschließend untersucht und in ein größeres System eingeordnet. Umgekehrt bleibt auch das scheinbar wissenschaftliche Diagramm von persönlicher Erfahrung und spiritueller Bedeutung erfüllt.
Mikro- und Makrokosmos
Ein wiederkehrender Gedanke ihres Werkes lautet, dass sich kleine und große Strukturen gegenseitig spiegeln. Ein Atom, ein Mensch, eine Pflanze und das Universum können nach Hilma af Klints Vorstellung unterschiedlichen Größenordnungen angehören und dennoch denselben grundlegenden Gesetzen folgen.
Diese Beziehung zwischen Mikro- und Makrokosmos zeigt sich in ihren Kompositionen. Eine kleine Form kann innerhalb einer größeren wiederkehren. Kreise enthalten weitere Kreise, und einzelne Bildelemente erscheinen wie verkleinerte Abbilder des gesamten Aufbaus.
Ihre Aufmerksamkeit richtet sich deshalb gleichermaßen auf das kaum Sichtbare und das unvorstellbar Große. Mikroskopische Formen treffen auf kosmische Räume. Naturwissenschaftliche Bilder verbinden sich mit religiösen Vorstellungen von Schöpfung und Einheit.
Die späten Aquarelle
Nach ihren Aufenthalten am Goetheanum in Dornach verändert Hilma af Klint ab 1922 ihre Malerei erneut. Sie gibt die strenge geometrische Ordnung weitgehend auf und arbeitet bevorzugt mit Aquarellfarben in der Nass-in-Nass-Technik.
Die Farben fließen nun ineinander. Formen entstehen aus Übergängen, Verdichtungen und Auflösungen. Der künstlerische Prozess wird offener und weniger von klaren Umrissen bestimmt.
Besonders häufig wendet sich Hilma af Klint wieder Blumen und Bäumen zu. Doch auch diese Bilder sind keine Rückkehr zur rein naturgetreuen Pflanzenmalerei. Die Künstlerin versucht nun, das geistige Wesen einer Pflanze unmittelbar aus der Farbe hervortreten zu lassen.
Ihr Spätwerk zeigt damit, wie wenig sie an einer einzigen unverwechselbaren Formensprache festhält. Noch im Alter von über 60 Jahren ist sie bereit, ihre bisherige Malweise zu verändern und einen neuen Zugang zu ihren Themen zu suchen.
„Chaos, Nr. 2“ entstand 1906 und gehört zu Hilma af Klints frühesten weitgehend gegenstandslosen Arbeiten.
Hilma af Klint creator QS:P170,Q436267, Hilma af Klint - 1906 - Chaos - Nr 2, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
War Hilma af Klint die erste abstrakte Künstlerin?
Hilma af Klint beginnt 1906 mit Bildern, die sich weitgehend von der Darstellung sichtbarer Gegenstände lösen. Damit entstehen ihre abstrakten Kompositionen mehrere Jahre vor den bekannten ungegenständlichen Werken von Wassily Kandinsky, Piet Mondrian und Kasimir Malewitsch.
Diese zeitliche Reihenfolge hat zu der verbreiteten Bezeichnung geführt, Hilma af Klint sei die erste abstrakte Künstlerin der westlichen Kunstgeschichte. Ganz so eindeutig lässt sich die Frage allerdings nicht beantworten.
Abstrakte Kunst entsteht zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht an einem einzigen Ort und nicht durch eine einzelne Person. Mehrere Künstlerinnen und Künstler suchen unabhängig voneinander nach Möglichkeiten, Farbe, Linie und Form von der unmittelbaren Abbildung sichtbarer Dinge zu lösen.
Hilma af Klint gehört während ihres Lebens keiner bekannten Avantgardegruppe an. Sie veröffentlicht kein künstlerisches Manifest und beteiligt sich mit ihren spirituellen Gemälden kaum am öffentlichen Kunstdiskurs. Ihre Bilder können deshalb die zeitgenössische Entwicklung der abstrakten Kunst nicht in derselben Weise beeinflussen wie öffentlich ausgestellte und diskutierte Werke.
Zudem bleiben ihre Kompositionen häufig mit bestimmten Inhalten verbunden. Sie stellen zwar keine gewöhnlichen Gegenstände dar, sollen aber geistige Entwicklungen, Naturkräfte und kosmische Zusammenhänge sichtbar machen. Manche Kunsthistoriker betrachten sie daher ebenso als symbolische Diagramme oder spirituelle Bilder wie als abstrakte Malerei.
All das mindert ihre künstlerische Bedeutung nicht. Im Gegenteil: Es zeigt, dass es verschiedene Wege zur Abstraktion gab. Hilma af Klint gelangt nicht durch Kubismus, die Zerlegung sichtbarer Gegenstände oder eine kunsttheoretische Suche nach reiner Form zur ungegenständlichen Malerei. Ihr Weg führt über Naturbeobachtung, automatisches Zeichnen, Spiritualismus und die Vorstellung einer unsichtbaren Wirklichkeit.
Die treffendste Bezeichnung bleibt deshalb: Hilma af Klint ist eine Pionierin der abstrakten Kunst. Ihre Werke verändern die Geschichte der Moderne nicht, weil sie einen einfachen Wettlauf um das erste abstrakte Bild gewinnt. Sie erweitern vielmehr unser Verständnis davon, wo und aus welchen Vorstellungen abstrakte Kunst entstehen konnte.
Hilma af Klints Bilder heute betrachten
Um Hilma af Klints Bilder zu erleben, muss man ihre spirituellen Überzeugungen nicht teilen und nicht jedes Zeichen entschlüsseln. Ein guter Ausgangspunkt ist zunächst die unmittelbare Wirkung: die Größe der Bilder, die Beziehung der Farben, die Bewegung der Linien und das Verhältnis zwischen dichten und freien Flächen.
Erst danach können Titel, Symbole und biografische Zusammenhänge hinzukommen. Dieses Vorgehen verhindert, dass die Gemälde nur als verschlüsselte Botschaften gelesen werden. Sie bleiben Kunstwerke, deren Farben und Formen auch jenseits einer bestimmten Erklärung wirken.
Gerade darin liegt ihre anhaltende Faszination. Hilma af Klints Bilder erscheinen gleichzeitig alt und erstaunlich gegenwärtig. Sie erinnern an Jugendstil, wissenschaftliche Schautafeln und religiöse Zeichen, können aber ebenso Assoziationen an moderne Grafik, psychedelische Kunst oder zeitgenössisches Design wecken.
Eine praktische Vertiefung dieser Betrachtungsweise bietet der Artikel „Abstrakte Kunst interpretieren – geht das überhaupt?“.
Auswahl bedeutender Werke und Serien
- „Kapuzinerkresse“, um 1890
- „Urchaos“, 1906–1907
- „Eros“, 1907
- „Die zehn Größten“, 1907
- „Evolution“, 1908
- „Der Baum der Erkenntnis“, 1913–1915
- „Der Schwan“, 1914–1915
- „Die Taube“, 1915
- „Altarbilder“, 1915
- „Parsifal“, 1916
- „Das Atom“, 1917
- „Beim Betrachten von Blumen und Bäumen“, ab 1922
- Hilma af Klint – Ihr Leben, Teil 1: Kindheit, Ausbildung und erste Erfolge
- Hilma af Klint – Ihr Leben, Teil 2: De Fem und die Suche nach dem Unsichtbaren
- Hilma af Klint – Ihr Leben, Teil 3: Die Gemälde für den Tempel
- Hilma af Klint – Ihr Leben, Teil 4: Späte Jahre und verborgenes Vermächtnis
- Abstrakte Kunst interpretieren – geht das überhaupt?
- Wassily Kandinsky – Sein Werk
- Piet Mondrian – Sein Werk
- Kasimir Malewitsch – Sein Werk




