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Wassily Kandinsky: „Gelb-Rot-Blau“, 1925, Öl auf Leinwand, 128 × 201,5 cm. Das Gemälde entstand während seiner Bauhaus-Zeit und verbindet geometrische Formen mit einer lebendigen Bewegung von Farben und Linien. Centre Pompidou, Musée national d’art moderne, Paris. Centre Pompidou.
Die 1920er-Jahre verbinden künstlerischen Aufbruch mit tiefen gesellschaftlichen Gegensätzen. Bauhaus, Neue Sachlichkeit und Surrealismus eröffnen neue Wege; Fotografie, Film und Rundfunk verändern die Wahrnehmung des Alltags. Doch hinter dem Glanz der „Goldenen Zwanziger“ stehen politische Gewalt, soziale Not und wirtschaftliche Krisen.
1921–1923: Künstlerischer Neubeginn in einer krisenhaften Zeit
1921 – Das Bauhaus wächst, die Malerei sucht neue Grenzen
Die Folgen des Ersten Weltkriegs prägen weiterhin den Alltag und die Politik. Im Mai setzt das Londoner Ultimatum die deutschen Reparationsverpflichtungen auf insgesamt 132 Milliarden Goldmark fest. Die Auseinandersetzungen um diese Forderungen verschärfen die innenpolitischen Konflikte der jungen Weimarer Republik. Deutsches Historisches Museum.
Am Weimarer Bauhaus beginnt Paul Klee seine Lehrtätigkeit. Ihn interessiert, wie Bilder entstehen: Wie entwickelt sich eine Linie? Wie wirken Farben zusammen? Welche Ordnungen lassen sich in der Natur beobachten? Seine Lehre vermittelt keine Sammlung fertiger Stilrezepte, sondern untersucht die Grundlagen bildnerischer Gestaltung. Damit wird das Bauhaus auch zu einem Ort, an dem künstlerisches Denken systematisch erprobt und weitergegeben wird. Bauhaus Kooperation.
In Moskau zeigt Alexander Rodtschenko auf der Ausstellung „5 × 5 = 25“ drei monochrome Bilder in Rot, Gelb und Blau. Die einfarbigen Flächen treiben die Abkehr von der gegenständlichen Darstellung besonders weit. Für Rodtschenko und andere Vertreter des Konstruktivismus ist dies nicht nur ein formales Experiment: Die veränderte Gesellschaft verlangt aus ihrer Sicht nach neuen künstlerischen Aufgaben und Ausdrucksformen. Museum of Modern Art.
Auch das Kino verbindet Unterhaltung mit einem Blick auf soziale Wirklichkeit. In „The Kid“, seinem ersten Langfilm als Regisseur, erzählt Charlie Chaplin von einem armen Mann, der ein ausgesetztes Kind aufnimmt. Slapstick, Zärtlichkeit und Erfahrungen von Ausgrenzung greifen ineinander. Der Film zeigt, wie eindringlich sich gesellschaftliche Themen durch Bewegung, Mimik und Bildkomposition vermitteln lassen. Charlie Chaplin.
1922 – Kandinsky am Bauhaus und die Wiederentdeckung Altägyptens
Im Juni kommt Wassily Kandinsky als Lehrer ans Bauhaus. Er übernimmt die künstlerische Leitung der Werkstatt für Wandmalerei und unterrichtet unter anderem Formlehre und analytisches Zeichnen. Neben Klees Untersuchungen gewinnt damit eine weitere eigenständige Auffassung von Farbe und Form an Gewicht. Die Schule ist kein Ort einer einzigen verbindlichen Bildsprache: Unterschiedliche künstlerische Ansätze stehen nebeneinander und beeinflussen die Ausbildung. Bauhaus Kooperation.
Am 24. Juni wird Außenminister Walther Rathenau von Angehörigen der rechtsextremen Organisation Consul ermordet. Das Attentat richtet sich auch gegen die Republik, für die Rathenau eintritt. Es macht sichtbar, wie stark die demokratische Ordnung durch politische Gewalt bedroht ist. Künstlerischer Aufbruch und gesellschaftliche Unsicherheit gehören in diesen Jahren eng zusammen. Deutsches Historisches Museum.
Im November entdeckt das Grabungsteam um Howard Carter das Grab Tutanchamuns im Tal der Könige. Die Ausgrabung wird zu einem internationalen Medienereignis. Sie verstärkt zugleich die Begeisterung für altägyptische Kunst: Skarabäen, Hieroglyphen und andere ägyptische Motive finden Eingang in Schmuck und dekorative Gestaltung. Archäologische Entdeckungen wirken damit bis in die Formensprache der modernen Konsumwelt hinein. Bodleian Libraries, Victoria and Albert Museum.
1923 – Hyperinflation, Bauhaus-Ausstellung und der Beginn des Rundfunks
Die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen verschärft die wirtschaftliche Krise. Die Reichsregierung unterstützt den passiven Widerstand und finanziert die damit verbundenen Ausgaben auch durch zusätzliche Geldschöpfung. Zur bereits seit dem Krieg fortschreitenden Geldentwertung kommt ein dramatischer Vertrauensverlust. Im Herbst erreicht die Inflation ihren Höhepunkt: Preise steigen in rascher Folge, Löhne verlieren ihre Kaufkraft, und die Geldersparnisse vieler Menschen werden nahezu wertlos. Deutsches Historisches Museum.
Mit der Einführung der Rentenmark am 15. November beginnt die Stabilisierung der Währung. Sie beendet jedoch nicht die sozialen Folgen der Inflation. Für viele Menschen bleibt die Erfahrung zurück, dass selbst langjährig Erspartes innerhalb kürzester Zeit verschwinden kann. Deutsches Historisches Museum.
In Weimar präsentiert sich das Bauhaus mit seiner ersten großen Ausstellung. Walter Gropius wirbt für eine engere Verbindung von Kunst und Technik. Das von Georg Muche entworfene Haus am Horn führt vor, wie Architektur, Möbel und Ausstattung zu einem durchdachten Wohnumfeld zusammenfinden können. Die Schule richtet ihre Arbeit stärker auf zeitgemäße Produkte und die Möglichkeiten industrieller Herstellung aus. Gestaltung soll über das einzelne Kunstwerk hinaus den Alltag verändern. Bauhaus Kooperation, Bauhaus Kooperation.
Am 29. Oktober beginnt aus dem Berliner Vox-Haus der regelmäßige Unterhaltungsrundfunk in Deutschland. Zunächst erreicht er nur eine kleine Hörerschaft. Doch mit seiner Verbreitung verändert sich der Zugang zu Musik, Sprache und später auch Hörspielen: Aufführungen müssen nicht mehr ausschließlich vor einem anwesenden Publikum stattfinden. Das Radio eröffnet einen neuen Raum für Kultur im privaten Alltag. Deutsches Rundfunkarchiv.
1924–1926: Neue Bildwelten und moderne Gestaltung
1924 – Surrealismus und internationale Verbindungen
Der Dawes-Plan ordnet die deutschen Reparationszahlungen neu. Zugleich erleichtern ausländische, insbesondere amerikanische Kredite die wirtschaftliche Erholung. Diese Entwicklung schafft Spielräume für Investitionen und Konsum, macht die deutsche Wirtschaft aber auch stärker von internationalen Kapitalströmen abhängig. Der Aufschwung besitzt damit eine Schwachstelle, die am Ende des Jahrzehnts entscheidend werden wird. Deutsches Historisches Museum.
In Paris veröffentlicht André Breton sein „Manifest des Surrealismus“. Die neue Bewegung richtet den Blick auf Träume, unbewusste Vorstellungen und das freie Spiel der Gedanken. Schreiben und Gestalten sollen sich zumindest zeitweise der Kontrolle durch Vernunft und eingeübte Regeln entziehen. Der Surrealismus entwickelt daraus unterschiedliche Verfahren: vom automatischen Zeichnen bis zur präzisen Darstellung unmöglicher Situationen. Wirklichkeit erscheint nicht mehr als etwas Eindeutiges, sondern als ein Gefüge, das sich durch Fantasie und unerwartete Verbindungen verändern lässt. Tate.
Eine andere Form internationaler Zusammenarbeit entsteht mit den „Blauen Vier“. Galka Scheyer bringt Paul Klee, Wassily Kandinsky, Lyonel Feininger und Alexej von Jawlensky unter diesem Namen zusammen. Sie organisiert Ausstellungen und Vorträge, um ihre Kunst besonders in den USA bekannt zu machen. Es geht dabei weniger um einen gemeinsamen Stil als um Vermittlung und Sichtbarkeit. Die Initiative zeigt, welche Bedeutung engagierte Vermittlerinnen für die Verbreitung moderner Kunst gewinnen. Norton Simon Museum.
1925 – Neue Sachlichkeit, Art déco und der Umzug nach Dessau
Am 14. Juni eröffnet die Kunsthalle Mannheim die von Gustav Friedrich Hartlaub organisierte Ausstellung „Neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expressionismus“. Sie macht eine Tendenz sichtbar, die sich bereits seit einigen Jahren entwickelt: Menschen, Dinge und gesellschaftliche Verhältnisse werden wieder mit betonter Gegenständlichkeit dargestellt. Diese Kunst kann nüchtern und genau, aber ebenso scharf, grotesk oder rätselhaft wirken. Unter dem Begriff versammeln sich unterschiedliche Positionen – von der gesellschaftskritischen Malerei eines Otto Dix oder George Grosz bis zu ruhigeren, stärker an klassischen Formen orientierten Bildern. Kunsthalle Mannheim.
Das Bauhaus verlässt Weimar und setzt seine Arbeit in Dessau fort. Politischer Druck und die Kürzung öffentlicher Mittel haben den bisherigen Standort zunehmend unsicher gemacht. In Dessau eröffnen sich neue Möglichkeiten für die Zusammenarbeit mit einer Industriestadt und für den Bau eines eigenen Schulgebäudes. Bauhaus Kooperation.
Kandinskys Gemälde „Gelb-Rot-Blau“ entsteht noch in Weimar. Farbflächen, Kreise, Geraden und geschwungene Linien bilden eine Komposition voller Gegensätze. Die geometrische Ordnung bleibt dabei beweglich: Helle und dunkle Bereiche, kantige und kurvige Formen halten einander in Spannung. Das Bild führt anschaulich vor, dass Abstraktion nicht den Verzicht auf Ausdruck bedeutet. Farbe und Form übernehmen selbst die Aufgabe, Wirkung und Rhythmus zu erzeugen. Centre Pompidou.
In Paris präsentiert die „Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes“ eine andere Seite moderner Gestaltung. Möbel, Schmuck, Textilien und Innenräume verbinden vielfach zeitgemäße Formen mit kostbaren Materialien und aufwendiger handwerklicher Ausführung. Die Ausstellung wird später zur Namensgeberin des Art déco. Neben den auf industrielle Herstellung ausgerichteten Ansätzen des Bauhauses steht damit eine Moderne, die Eleganz, Luxus und dekorative Wirkung betont. Metropolitan Museum of Art, Metropolitan Museum of Art.
1926 – Das Bauhaus erhält seine architektonische Gestalt
Am 4. Dezember wird das von Walter Gropius entworfene Bauhausgebäude in Dessau eröffnet. Die großen Glasflächen des Werkstattflügels, die unterschiedlich angeordneten Baukörper und ihre klar erkennbare Nutzung machen den Bau zu einem Schlüsselwerk moderner Architektur. Werkstätten, Unterricht und gemeinschaftliches Leben erhalten jeweils eigene Bereiche, die miteinander verbunden sind. Das Gebäude lässt sich so als räumliche Umsetzung des Bauhaus-Gedankens lesen: Gestaltung entsteht aus dem Zusammenspiel verschiedener Tätigkeiten. Stiftung Bauhaus Dessau.
Kandinsky veröffentlicht „Punkt und Linie zu Fläche“. Darin untersucht er grundlegende Bildelemente und ihre Beziehungen. Solche Überlegungen machen deutlich, wie eng am Bauhaus praktische Arbeit und theoretische Reflexion zusammengehören. Ein Punkt, eine Linie oder eine Fläche werden nicht bloß als technische Mittel verstanden, sondern als Elemente mit eigener Spannung und Ausdruckskraft. Bauhaus Kooperation.
Im September wird Deutschland in den Völkerbund aufgenommen. Nach den Verständigungsbemühungen der vorangegangenen Jahre ist dies ein wichtiger Schritt aus der außenpolitischen Isolation nach dem Ersten Weltkrieg. Die internationale Annäherung bildet einen Gegenpol zu den nationalistischen Strömungen, die im Inneren weiter bestehen. Deutsches Historisches Museum.
1927–1928: Die Moderne verändert Bühne, Stadt und Alltag
1927 – „Metropolis“, Neues Bauen und Gunta Stölzl
Am 10. Januar wird Fritz Langs „Metropolis“ in Berlin uraufgeführt. Die monumentale Zukunftsstadt ist von einem scharfen Gegensatz geprägt: Oben lebt eine privilegierte Gesellschaft, unten arbeiten Menschen an gewaltigen Maschinen. Architektur, Licht und die choreografierten Bewegungen der Menschenmassen machen soziale Machtverhältnisse sichtbar. Der Film verbindet technische Faszination mit der Angst vor Entmenschlichung und wird zu einem zentralen Werk des frühen Science-Fiction-Kinos. filmportal.de.
In Stuttgart entsteht die Weißenhofsiedlung als Teil der Werkbundausstellung „Die Wohnung“. Unter der künstlerischen Leitung von Ludwig Mies van der Rohe beteiligen sich 17 Architekten, darunter Le Corbusier und Walter Gropius. Die Bauten erproben neue Grundrisse, Konstruktionen und Wohnformen. Helle Räume, funktionale Abläufe und eine reduzierte Formensprache sollen Antworten auf die Frage geben, wie Menschen unter modernen Bedingungen wohnen können. Weissenhofmuseum.
Am Bauhaus erhält Gunta Stölzl den Rang einer Meisterin. Ihre Arbeit zeigt, dass die Weberei weit mehr ist als ein dekoratives Randgebiet. Sie verbindet Farb- und Formexperimente mit Materialkenntnis und der Entwicklung verwendbarer Textilien. Zugleich bleibt ihre Stellung außergewöhnlich: Trotz der vielen Studentinnen sind leitende Positionen an der Schule überwiegend Männern vorbehalten. Bauhaus Kooperation, Bauhaus Kooperation.
1928 – Gesellschaftskritik auf der Bühne und im Bild
Am 31. August hat die „Dreigroschenoper“ am Berliner Theater am Schiffbauerdamm Premiere. Bertolt Brecht und Kurt Weill entwickeln das Stück unter Mitarbeit von Elisabeth Hauptmann aus einer älteren englischen Vorlage. Eingängige Musik und bissige Gesellschaftskritik treffen aufeinander. Die Grenzen zwischen bürgerlicher Anständigkeit, Geschäft und Verbrechen werden durchlässig. Der große Bühnenerfolg zeigt, dass künstlerische Unterhaltung zugleich gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten infrage stellen kann. Kurt Weill Foundation.
Otto Dix verdichtet in seinem 1927/28 entstandenen Triptychon „Großstadt“ die Gegensätze der Zeit. Auf der Mitteltafel tanzt eine elegant gekleidete Gesellschaft zur Musik einer Jazzkapelle. Die Seitenflügel zeigen das Straßenleben mit Prostituierten und Kriegsversehrten. Die dreiteilige, aus der religiösen Kunst vertraute Bildform wird zum Rahmen einer modernen Gesellschaftsbeobachtung. In dieser Gegenüberstellung erscheinen Vergnügen, Armut und die Folgen des Krieges als gleichzeitig vorhandene Wirklichkeiten. Das Gemälde lässt sich deshalb auch als Gegenbild zu einer bloß nostalgischen Vorstellung der „Goldenen Zwanziger“ lesen. Kunstmuseum Stuttgart.
Am 1. April übernimmt Hannes Meyer als Nachfolger von Gropius die Leitung des Bauhauses. Er betont die sozialen Aufgaben der Gestaltung und untersucht Bedürfnisse, Herstellungskosten und Nutzung besonders systematisch. Sein Leitgedanke „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ richtet sich auf erschwingliche Produkte und Wohnungen. Damit verschiebt sich innerhalb der Schule das Gewicht: Die konkrete Verbesserung alltäglicher Lebensverhältnisse soll den Entwurf bestimmen. Bauhaus Kooperation.
1929–1930: Neue Sehweisen und eine bedrohte Freiheit
1929 – Fotografie, Surrealismus und Weltwirtschaftskrise
Die Werkbundausstellung „Film und Foto“ in Stuttgart versammelt internationale Positionen der fotografischen und filmischen Avantgarde. Zu den Beteiligten gehören László Moholy-Nagy, Alexander Rodtschenko, Florence Henri und Aenne Biermann. Ungewöhnliche Perspektiven, Ausschnitte und experimentelle Verfahren erweitern die Möglichkeiten der Kamera. Fotografie erscheint hier als eigenständiges künstlerisches Medium, das die sichtbare Welt nicht nur festhält, sondern auf neue Weise erfahrbar macht. Museum of Modern Art.
René Magritte malt „Der Verrat der Bilder“. Unter einer sorgfältig dargestellten Pfeife steht der Satz „Ceci n’est pas une pipe“ – „Dies ist keine Pfeife“. Der scheinbare Widerspruch lenkt den Blick auf einen einfachen, aber folgenreichen Unterschied: Ein gemalter Gegenstand ist nicht der Gegenstand selbst. Magritte macht das Verhältnis zwischen Bild, Sprache und Wirklichkeit zum Thema und fordert dazu auf, den eigenen Sehgewohnheiten zu misstrauen. Los Angeles County Museum of Art.
Mit „Un chien andalou“ bringen Luis Buñuel und Salvador Dalí surrealistische Vorstellungen auf die Leinwand. Der kurze Stummfilm löst sich von einer durchgehend nachvollziehbaren Handlung. Überraschende Schnitte, irritierende Begegnungen und verstörende Bilder folgen eher der Logik von Träumen und Assoziationen. Das Kino wird zum Experimentierfeld für Erfahrungen, die sich nicht in eine eindeutige Geschichte übersetzen lassen. Centre Pompidou.
Im Oktober brechen die Aktienkurse an der New Yorker Börse ein. Die sich ausweitende Weltwirtschaftskrise trifft Deutschland besonders hart, weil seine Wirtschaft stark auf ausländische Kredite angewiesen ist. Kapital wird abgezogen, Unternehmen geraten unter Druck, und die Arbeitslosigkeit steigt. Der Zusammenbruch beendet die Phase relativer Stabilität und verschärft die sozialen Konflikte. Die kulturellen Experimente der späten 1920er-Jahre stehen damit zunehmend in einem Umfeld existenzieller Unsicherheit. Deutsches Historisches Museum.
1930 – Tonfilm, Museumsbau und politische Radikalisierung
Am 1. April wird „Der blaue Engel“ uraufgeführt. Unter der Regie von Josef von Sternberg spielen Emil Jannings und Marlene Dietrich in einer Geschichte von Begehren, Abhängigkeit und gesellschaftlichem Absturz. Stimme, Musik und Geräusche werden zu tragenden Elementen der Inszenierung. Der Erfolg des Films steht für den raschen Wandel des Kinos: Mit dem Ton entstehen neue Ausdrucksmöglichkeiten und andere Anforderungen an Schauspiel und Regie. filmportal.de, kinofenster.de.
Nach der Entlassung Hannes Meyers übernimmt Ludwig Mies van der Rohe die Leitung des Bauhauses. Er wird dessen dritter Direktor. Der Wechsel findet in einer zunehmend angespannten politischen Situation statt, in der auch die Ausrichtung der Schule umstritten ist. Das Bauhaus bleibt ein Ort neuer Gestaltung, muss aber zugleich um seine institutionelle Zukunft ringen. Bauhaus Kooperation.
In Berlin eröffnet das neue Pergamonmuseum. Mit seinen monumentalen Architekturrekonstruktionen, darunter dem Pergamonaltar und dem Ischtar-Tor, bietet es eine besonders eindrucksvolle Form der Begegnung mit antiker Kunst. Während die Avantgarde neue Bildwelten entwirft, werden zugleich große Museumsräume geschaffen, in denen historische Kulturen durch ihre Bauwerke und Kunstwerke anschaulich werden sollen. Staatliche Museen zu Berlin.
Bei der Reichstagswahl am 14. September erreicht die NSDAP 18,3 Prozent der Stimmen und wird zweitstärkste Partei. Unter Reichskanzler Heinrich Brüning beginnt der Übergang zu den Präsidialkabinetten. Die parlamentarische Demokratie verliert an Einfluss, während die Gegner der Republik an Stärke gewinnen. Diese Entwicklung verändert auch die Bedingungen, unter denen Kunst öffentlich gezeigt und diskutiert werden kann. Deutsches Historisches Museum.
Im Dezember stören Nationalsozialisten Berliner Vorführungen von „Im Westen nichts Neues“, der Verfilmung von Erich Maria Remarques Antikriegsroman durch Lewis Milestone. Auf organisierte Krawalle und politischen Druck folgt ein Aufführungsverbot durch die Filmzensur. Der Konflikt macht deutlich, dass nicht nur um die Erinnerung an den Weltkrieg gestritten wird. Auch die Freiheit der Kunst und die demokratische Öffentlichkeit selbst geraten unter Druck. Deutsches Historisches Museum.
Ein Jahrzehnt mit vielen Gesichtern
Zusammengenommen zeigen diese Entwicklungen, wie wenig sich die Kunst der Jahre 1921 bis 1930 auf einen einzigen Stil reduzieren lässt. Abstrakte Farbkompositionen stehen neben genauer Gesellschaftsbeobachtung, traumhaften Bildwelten und funktionaler Alltagsgestaltung. Gemeinsam ist vielen dieser Ansätze die Frage, wie sich eine veränderte Welt darstellen, verstehen oder mitgestalten lässt. Ihre Vielfalt entsteht unter Bedingungen, die zugleich neue Freiräume eröffnen und diese immer wieder gefährden.
Wie sich Kunst und Kultur unter dem Druck von Diktatur, Verfolgung und Krieg weiterentwickeln, zeigt die Timeline 1931–1940.
