Turners Gemälde Das Sklavenschiff: Ein Segelschiff fährt in einen rot glühenden Sturm, während im aufgewühlten Meer angekettete versklavte Menschen zurückbleiben.
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J. M. W. Turner, Das Sklavenschiff (Sklavenhändler werfen Tote und Sterbende über Bord – ein Taifun zieht auf), 1840, Öl auf Leinwand, 90,8 × 122,6 cm, Museum of Fine Arts, Boston. Turner verbindet romantische Naturgewalt mit einer Anklage gegen den transatlantischen Sklavenhandel.

Die Jahre von 1831 bis 1840 markieren eine entscheidende Schwelle des 19. Jahrhunderts. Eisenbahn, Dampfschiff und elektromagnetische Telegrafie lassen Entfernungen schrumpfen. Fabriken, neue Verkehrswege und wachsende Städte verändern den Alltag. Zugleich führen soziale Not, politische Unterdrückung und koloniale Machtinteressen zu Aufständen und Kriegen.

Auch die Kunst richtet ihren Blick zunehmend auf die Gegenwart. Honoré Daumier nutzt die Lithografie als scharfe politische Waffe, Eugène Delacroix erweitert die Ausdrucksmöglichkeiten der Farbe und William Turner verbindet romantische Naturgewalt mit Industrie, Technik und gesellschaftlicher Anklage. Mit der öffentlichen Bekanntgabe der Fotografie im Jahr 1839 entsteht schließlich ein neues Bildmedium, das die Malerei dauerhaft herausfordern wird.

Vom romantischen Bild zur modernen Medienwelt

Die Kunst dieses Jahrzehnts lässt sich nicht mit einem einzigen Stilbegriff beschreiben. Die Romantik ist weiterhin lebendig, doch neben historischen, religiösen und exotisch anmutenden Motiven gewinnen Alltag, Arbeit, gesellschaftliche Konflikte und politische Ereignisse an Bedeutung. Genremaler beobachten das bürgerliche Leben, während Karikaturisten die Herrschenden offen angreifen.

Gleichzeitig verändert sich die Öffentlichkeit der Kunst. Lithografien können vergleichsweise schnell vervielfältigt und verbreitet werden. Museen und öffentliche Sammlungen erreichen ein größeres Publikum. Die Fotografie verspricht sogar, sichtbare Wirklichkeit mithilfe von Licht festzuhalten. Damit verändert sich nicht nur die Technik der Bilderzeugung, sondern auch die Vorstellung davon, was ein Bild leisten und wie zuverlässig es Wirklichkeit wiedergeben kann.

Die Jahre 1831 bis 1840

1831 – Soziale Revolte und politische Lithografie

Im französischen Lyon erheben sich die Seidenweber, die sogenannten Canuts, gegen sinkende Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen. Der zunächst soziale Protest wird gewaltsam niedergeschlagen. Die Ereignisse zeigen früh die Konflikte, die mit Industrialisierung und abhängig beschäftigter Arbeit verbunden sind.

In Paris greift Honoré Daumier mit der Lithografie Gargantua König Louis-Philippe und dessen Regierung an. Der Monarch erscheint als unersättlicher Riese, der die Abgaben der Bevölkerung verschlingt. Die Druckplatte wird zerstört, Daumier zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Das Werk macht deutlich, welche politische Kraft ein vervielfältigbares Bild entfalten kann. Yale University Art Gallery

Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel stirbt. Seine Gedanken über die geschichtliche Entwicklung der Kunst werden jedoch durch die spätere Veröffentlichung seiner Ästhetikvorlesungen weiterwirken. Geboren werden unter anderem der Schweizer Maler Albert Anker, der deutsche Bildhauer Reinhold Begas und der französische Bildhauer Alexandre Falguière.

1832 – Abschied von Goethe, Aufbruch bei Delacroix

Am 22. März stirbt Johann Wolfgang von Goethe in Weimar. Im selben Jahr wird Édouard Manet geboren, der drei Jahrzehnte später zu einem Wegbereiter der modernen Malerei werden soll. So begegnen sich in einem einzigen Jahr symbolisch das Ende der Goethezeit und der Beginn einer neuen Künstlergeneration.

Eugène Delacroix reist als Begleiter einer französischen Gesandtschaft nach Marokko und besucht anschließend Algerien. Farben, Licht, Kleidung und Architektur Nordafrikas hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck und liefern ihm Motive für zahlreiche spätere Arbeiten. Seine Bilder prägen die europäische Vorstellung vom „Orient“, müssen heute jedoch zugleich im Zusammenhang mit Kolonialismus und dem westlichen Blick auf andere Kulturen betrachtet werden. National Gallery London

In New York nimmt die New York and Harlem Railroad ihren Betrieb auf. Die von Pferden gezogenen Wagen auf Schienen gehören zu den frühesten städtischen Straßenbahnsystemen und kündigen die grundlegende Veränderung der modernen Stadt an.

1833 – Telegrafie, Emanzipation und fotografische Experimente

Carl Friedrich Gauß und Wilhelm Eduard Weber erproben in Göttingen einen elektromagnetischen Telegrafen. Seine mehr als einen Kilometer lange Leitung führt über Dächer und Türme und verbindet das Physikalische Kabinett mit der Sternwarte. Nachrichten können nun mithilfe elektrischer Signale übertragen werden. Universität Göttingen

Im Britischen Empire wird der Slavery Abolition Act beschlossen. Die tatsächliche Befreiung der versklavten Menschen verzögert sich jedoch durch ein verpflichtendes „Lehrlingssystem“ bis 1838. Entschädigt werden nicht die ehemals Versklavten, sondern ihre bisherigen Besitzer. Diese widersprüchliche Geschichte bildet einen wichtigen Hintergrund für Turners Gemälde Das Sklavenschiff von 1840. UK Parliament

Der Fotopionier Nicéphore Niépce stirbt. Sein Partner Louis Daguerre setzt die gemeinsamen Versuche fort, Bilder der Camera obscura dauerhaft festzuhalten. In Namur wird der spätere Grafiker und Symbolist Félicien Rops geboren.

1834 – Repression wird zum Bild

In Lyon kommt es erneut zu einem Aufstand. Aus einem Arbeitskonflikt entwickelt sich eine republikanisch geprägte Erhebung gegen die Julimonarchie. Die Armee schlägt sie vom 11. bis 15. April mit großer Gewalt nieder; mehrere Hundert Menschen werden getötet oder verletzt, Tausende verhaftet. Archives de Lyon

Auch in Paris kommt es zu Kämpfen. Honoré Daumier reagiert mit der Lithografie Rue Transnonain, le 15 avril 1834. Sie zeigt die Bewohner eines Hauses, die von Regierungstruppen erschossen wurden. Daumier verzichtet auf pathetische Gesten und schildert stattdessen die stille, bedrückende Folge der Gewalt. Dadurch wird das Blatt zu einem der eindringlichsten politischen Bilder des 19. Jahrhunderts. Metropolitan Museum of Art

Eugène Delacroix vollendet Die Frauen von Algier in ihrem Gemach. Das Gemälde beeindruckt durch intensive Farben, Stoffe und eine ungewöhnlich dichte Atmosphäre. Es beeinflusst später unter anderem Renoir, Cézanne, Matisse und Picasso, ist aber zugleich ein Schlüsselwerk des europäischen Orientalismus. Louvre

Charles Texier besucht die Ruinen von Hattuša und macht sie in Europa bekannt. Dass es sich um die Hauptstadt des Hethiterreiches handelt, wird erst später erkannt. Edgar Degas, James McNeill Whistler und Otto Scholderer werden geboren.

1835 – Dampf, elektrisches Licht und das Negativ

Am 7. Dezember fährt der „Adler“ erstmals zwischen Nürnberg und Fürth. Mit der ersten öffentlichen dampfbetriebenen Eisenbahn Deutschlands beginnt eine neue Epoche der Mobilität. Städte, Landschaften und das menschliche Erleben von Geschwindigkeit werden sich durch die Eisenbahn grundlegend verändern. DB Museum

In Dundee demonstriert James Bowman Lindsay ein beständiges elektrisches Licht. Seine Vorrichtung ist noch nicht für eine alltägliche Beleuchtung geeignet, zeigt aber, welches Potenzial in der Elektrizität liegt.

William Henry Fox Talbot fertigt in Lacock Abbey ein kleines Papiernegativ eines vergitterten Fensters an. Es gilt als ältestes erhaltenes fotografisches Negativ auf Papier. Anders als bei der späteren Daguerreotypie ermöglicht das Negativ-Positiv-Prinzip grundsätzlich die Herstellung mehrerer Abzüge. Science Museum Group

Heinrich Gustav Hotho veröffentlicht eine aus Manuskripten und studentischen Mitschriften zusammengestellte Fassung von Hegels Vorlesungen über die Ästhetik. Sie prägt über lange Zeit die Vorstellung von Hegels Kunstphilosophie, obwohl sie nicht als unverändertes Werk Hegels betrachtet werden kann.

J. M. W. Turner malt Keelmen Heaving in Coals by Moonlight. Arbeiter verladen im nächtlichen Feuerschein Kohle auf Schiffe. Turner verbindet die Schönheit des Mondlichts mit Rauch, körperlicher Arbeit und industrieller Produktion – die Romantik begegnet der modernen Arbeitswelt. National Gallery of Art

1836 – Architektur, Naturforschung und das Künstleratelier

Karl Friedrich Schinkels Berliner Bauakademie wird vollendet. Der zwischen 1832 und 1836 errichtete Backsteinbau verbindet klare Gliederung, sichtbare Konstruktion und sparsame Ornamentik. Er gilt deshalb als ein wichtiger Vorläufer moderner Architektur. Bundesstiftung Bauakademie

Am 2. Oktober kehrt Charles Darwin nach fast fünf Jahren an Bord der HMS Beagle nach England zurück. Seine Beobachtungen und Sammlungen bilden eine Grundlage seiner weiteren Forschungen. Die Evolutionstheorie ist zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht veröffentlicht; Über die Entstehung der Arten erscheint erst 1859. Darwin Correspondence Project

Johann Peter Hasenclever malt seine humorvolle Atelierszene. Studenten der Düsseldorfer Kunstakademie stellen darin ein „lebendes Bild“ nach. Veraltete Lehrmittel und akademische Konventionen werden ironisch behandelt. Das Gemälde formuliert damit ein neues Selbstverständnis der Genremalerei: Nicht überlieferte Ideale, sondern das beobachtete Leben soll zum Ausgangspunkt der Kunst werden. Kunstpalast bei Google Arts & Culture

1837 – Der Beginn des viktorianischen Zeitalters

Nach dem Tod Wilhelms IV. wird die 18-jährige Victoria Königin des Vereinigten Königreichs. Ihre fast 64 Jahre dauernde Herrschaft wird später einer ganzen Epoche ihren Namen geben. Industrialisierung, weltweiter Handel und die Ausdehnung des britischen Kolonialreiches prägen das viktorianische Zeitalter ebenso wie seine sozialen Gegensätze.

Eugène Delacroix malt um 1837 sein bekanntes Selbstbildnis. Mit dunkler Kleidung, festem Blick und selbstbewusster Haltung präsentiert er sich nicht als höfischer Handwerker, sondern als eigenständige Künstlerpersönlichkeit. Seine freie Pinselführung und expressive Farbe werden für nachfolgende Künstlergenerationen wegweisend. National Gallery London

1838 – Museen, Dampfschiffe und neue Öffentlichkeit

Victoria wird am 28. Juni in Westminster Abbey gekrönt. Im selben Jahr öffnet das neue Gebäude der National Gallery am Trafalgar Square. Die staatliche Gemäldesammlung erhält damit einen zentral gelegenen, öffentlich zugänglichen Ort im Herzen Londons. National Gallery London

Am 23. April erreichen die Dampfschiffe Sirius und Great Western New York. Ihre Reisen beweisen, dass regelmäßige Atlantiküberquerungen mit Dampfkraft technisch und wirtschaftlich möglich werden. Die verlässliche Linienverbindung folgt kurze Zeit später.

Am 1. Dezember wird die Eisenbahnstrecke zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel eröffnet. Sie gilt als erste deutsche Staatseisenbahn. Braunschweig ist zu dieser Zeit ein eigenständiges Herzogtum und gehört nicht zu Preußen.

Daguerre zeigt ausgewählten Künstlern und Wissenschaftlern bereits Beispiele seines fotografischen Verfahrens. Noch ist die genaue Technik nicht öffentlich bekannt – doch die Nachricht von Bildern, die sich scheinbar durch das Licht selbst erzeugen, verbreitet sich.

1839 – Die Fotografie tritt an die Öffentlichkeit

Am 7. Januar werden Daguerres fotografische Bilder der französischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt. Am 19. August wird das Verfahren ausführlich veröffentlicht. Die Daguerreotypie erzeugt ein außerordentlich detailreiches, aber nicht unmittelbar vervielfältigbares Unikat auf einer versilberten Kupferplatte. Parallel arbeitet Fox Talbot mit lichtempfindlichem Papier und dem Negativ-Positiv-Prinzip. Metropolitan Museum of Art

Die Fotografie ist von Beginn an beides: wissenschaftliches Hilfsmittel und künstlerisches Ausdrucksmittel. Sie verändert Porträt, Landschaftsbild und Dokumentation und zwingt die Malerei langfristig dazu, ihre besonderen Möglichkeiten neu zu bestimmen.

Am 7. April wird die vollständige Eisenbahnstrecke von Leipzig nach Dresden eröffnet. Carl Spitzweg malt Der arme Poet: In einer undichten Dachkammer liegt ein Dichter auf seiner Matratze und arbeitet unbeirrt weiter. Das Bild ist liebevolle Charakterstudie und leise Ironie auf die Vorstellung vom weltfremden Künstler.

Turner vollendet The Fighting Temeraire. Ein kleiner, dunkler Dampfschlepper zieht das berühmte Segelkriegsschiff zu seinem letzten Liegeplatz, wo es abgewrackt werden soll. Der Sonnenuntergang wird zum Sinnbild für das Ende des Segelzeitalters und den Beginn einer von Dampfmaschinen beherrschten Welt. National Gallery London

Zwischen Großbritannien und China beginnt der Erste Opiumkrieg. Der Konflikt dient wesentlich den britischen Handels- und Kolonialinteressen sowie dem Schutz des illegalen Opiumhandels. National Army Museum Paul Cézanne und Alfred Sisley werden geboren – zwei spätere Hauptvertreter der modernen französischen Malerei.

1840 – Turner, Kommunikation und ein Generationenwechsel

J. M. W. Turner stellt in der Royal Academy Das Sklavenschiff aus. Ein Schiff entkommt einem aufziehenden Taifun, während angekettete versklavte Menschen im aufgewühlten Meer zurückbleiben. Ausgangspunkt ist das Massaker auf der Zong von 1781, bei dem die Besatzung mehr als hundert Menschen über Bord warf, um Versicherungszahlungen beanspruchen zu können. Turner verbindet die Gewalt des Sturmes mit der von Menschen ausgeübten Gewalt und schafft eines der erschütterndsten politischen Gemälde des 19. Jahrhunderts. Museum of Fine Arts Boston

Am 28. Juni gründet Friedrich Fröbel in Blankenburg den „Allgemeinen Deutschen Kindergarten“. Seine Pädagogik misst dem selbstständigen Spiel, der Anschauung und der gestalterischen Tätigkeit des Kindes eine neue Bedeutung bei.

In Großbritannien erscheint mit der „Penny Black“ die erste Briefmarke eines öffentlichen Postsystems. Sie wird ab dem 1. Mai verkauft und ist ab dem 6. Mai gültig. Einheitliche, vergleichsweise günstige Postgebühren erleichtern den schriftlichen Austausch.

Am 4. Juli verlässt die Britannia Liverpool in Richtung Boston. Damit beginnt Cunards regelmäßig terminierter transatlantischer Dampfschiffdienst. Cunard Am 12. September wird zwischen Mannheim und Heidelberg die erste Eisenbahnstrecke Badens eröffnet. LEO-BW

Mit Caspar David Friedrich stirbt 1840 einer der bedeutendsten Maler der deutschen Romantik. Im selben Jahr werden Claude Monet, Auguste Rodin und Odilon Redon geboren. So endet das Jahrzehnt mit einem bemerkenswerten Generationenwechsel: Während die klassische Romantik zurücktritt, kommen Künstler zur Welt, die Impressionismus, moderne Bildhauerei und Symbolismus entscheidend prägen werden.

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