Artikelgliederung
Felix Nussbaum: „Selbstbildnis mit Judenpass“, um 1943. Im Brüsseler Versteck stellt sich der verfolgte Künstler mit gelbem Stern und einem auf „JUIF–JOOD“ gestempelten Ausweis dar. Sein direkter Blick macht das Gemälde zu einem eindringlichen Zeugnis der Verfolgung und zugleich zu einem Akt künstlerischer Selbstbehauptung.
Zwischen 1941 und 1945 erreicht der Zweite Weltkrieg seinen zerstörerischen Höhepunkt. Künstlerinnen und Künstler arbeiten im Versteck, im Exil oder unter Bomben; ihre Werke werden zu Schutzraum, Zeugnis und Widerstand. Gleichzeitig entwickelt sich New York zu einem wichtigen Zentrum der Moderne – und inmitten des Zusammenbruchs zeichnen sich bereits neue Wege für die Kunst nach 1945 ab.
1941–1942: Krieg, Verfolgung und neue Bildwelten
1941
Am 22. Juni 1941 überfällt das Deutsche Reich die Sowjetunion. Hinter der Bezeichnung „Unternehmen Barbarossa“ verbirgt sich nicht nur ein militärischer Feldzug, sondern ein rassistisch begründeter Eroberungs- und Vernichtungskrieg. SS-Einsatzgruppen und weitere deutsche Einheiten beginnen in den besetzten Gebieten mit systematischen Massenerschießungen jüdischer Menschen, Roma und Sinti, sowjetischer Funktionäre sowie anderer Verfolgter. Der Krieg und der Holocaust sind von nun an noch enger miteinander verbunden. (United States Holocaust Memorial Museum, Yad Vashem)
Käthe Kollwitz antwortet auf die Gewalt mit einer ihrer letzten Lithografien: „Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden“. Eine alte Frau breitet schützend ihre Arme über junge Menschen und hält sie unter ihrem Mantel zurück. Kollwitz greift damit ein Motiv auf, das an die Schutzmantelmadonna erinnert, löst es jedoch aus dem religiösen Zusammenhang und verwandelt es in einen eindringlichen Appell gegen die Opferung der Jugend. Die Künstlerin bezeichnet das Blatt selbst als ihr künstlerisches Vermächtnis. Gerade weil die Darstellung nicht das Schlachtfeld, sondern den Schutz des Lebens zeigt, wirkt sie wie ein Gegenbild zur Kriegspropaganda. (Kollwitz Museum Köln)
Zur selben Zeit vollendet der erst 23-jährige Jacob Lawrence in New York seine „Migration Series“. In 60 kleinformatigen Bildern erzählt er von der Great Migration, der Wanderungsbewegung afroamerikanischer Menschen aus dem ländlichen Süden der USA in die Industriestädte des Nordens. Vereinfachte Figuren, wiederkehrende Farben und knappe Bildunterschriften verbinden sich zu einer rhythmischen Erzählung über Rassismus, Arbeit, Aufbruch und enttäuschte Hoffnungen. Während Europa im Krieg versinkt, erweitert Lawrence damit den Blick der Moderne: Geschichte wird nicht mehr allein aus der Perspektive politischer oder künstlerischer Eliten erzählt, sondern als kollektive Erfahrung einer lange übergangenen Bevölkerung. (Museum of Modern Art, The Phillips Collection)
1942
Am 20. Januar 1942 kommen 15 hochrangige Vertreter des NS-Staates zur Wannsee-Konferenz in Berlin zusammen. Dort koordinieren sie Zuständigkeiten und Verfahren für die Deportation und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden. Die Konferenz markiert weder den Beginn des Holocaust noch einen erst an diesem Tag gefassten Entschluss: Massenerschießungen und Deportationen sind längst im Gang. Sie zeigt jedoch, wie arbeitsteilig Behörden, Polizei und SS den bereits laufenden Völkermord organisieren. (United States Holocaust Memorial Museum)
In Amsterdam bekommt Anne Frank am 12. Juni zu ihrem 13. Geburtstag ein Tagebuch. Wenige Wochen später taucht die Familie Frank im Hinterhaus an der Prinsengracht unter. Annes Aufzeichnungen halten den Alltag im Versteck fest: Angst und Enge, Streit und Hoffnung, aber auch die Entwicklung einer jungen Autorin, die ihre Beobachtungen bewusst literarisch formt. Das Tagebuch wird nach dem Krieg zu einem der bekanntesten persönlichen Zeugnisse der nationalsozialistischen Verfolgung. (Anne Frank House, Anne Frank House)
Edward Hopper malt in New York „Nighthawks“. Vier Menschen befinden sich spätabends in einem hell erleuchteten Diner, doch weder eine sichtbare Tür noch ein lebhaftes Gespräch verbinden sie miteinander oder mit der dunklen Stadt. Die große Glasscheibe lässt Nähe erwarten und erzeugt zugleich Distanz. Hopper erklärt keinen Krieg und schildert kein bestimmtes Ereignis; dennoch verdichtet das 1942 entstandene Bild die Erfahrung von Vereinzelung, Unsicherheit und städtischer Fremdheit zu einer bis heute lesbaren Szene. (Art Institute of Chicago)
Im Oktober eröffnet Peggy Guggenheim in Manhattan die von Frederick Kiesler gestaltete Museumsgalerie „Art of This Century“. Dort treffen Kubismus, Surrealismus und abstrakte europäische Kunst auf eine junge amerikanische Avantgarde. Die ungewöhnlichen Räume lösen Bilder teilweise von der traditionellen Wandhängung und machen die Ausstellung selbst zum Erlebnis. Für emigrierte Künstlerinnen und Künstler wird New York zum Zufluchtsort; zugleich schafft Guggenheim ein Forum für damals noch wenig bekannte Positionen wie Jackson Pollock, Robert Motherwell und Mark Rothko. Die Gewichte der internationalen Kunstwelt beginnen sich zu verschieben. (Peggy Guggenheim Collection, Museum of Modern Art)
1943–1944: Kunst im Versteck, im Exil und in neuen Zentren
1943
Mit der deutschen Niederlage in Stalingrad im Februar wird die militärische Wende des Krieges unübersehbar. Das NS-Regime reagiert mit der Forderung nach dem „totalen Krieg“ und verschärft Gewalt und Terror. Im besetzten Polen beginnt am 19. April der Aufstand im Warschauer Ghetto. Schlecht bewaffnete jüdische Widerstandsgruppen setzen sich fast vier Wochen gegen die deutschen Truppen zur Wehr, bevor das Ghetto systematisch zerstört wird. Der Aufstand wird zum bedeutendsten Symbol jüdischen bewaffneten Widerstands während des Holocaust. (Deutsches Historisches Museum, United States Holocaust Memorial Museum)
Charlotte Salomon hat im französischen Exil kurz zuvor ihr außergewöhnliches Werk „Leben? oder Theater?“ abgeschlossen. In nahezu 800 Gouachen verbindet sie Bilder, Texte und Hinweise auf Musik zu einer autobiografisch grundierten Erzählung. Wiederkehrende Farben und filmisch wirkende Bildfolgen lassen Erinnerung, Familiengeschichte und die Bedrohung durch den Nationalsozialismus ineinanderfließen. 1943 wird Salomon verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ihr Werk überlebt, weil sie es vor ihrer Festnahme in sichere Hände gegeben hat – ein ebenso persönliches wie formal kühnes Archiv eines gefährdeten Lebens. (Jewish Cultural Quarter, Fritz Ascher Society)
Auch Felix Nussbaum arbeitet im belgischen Versteck gegen das drohende Verschwinden an. In seinem „Selbstbildnis mit Judenpass“ von etwa 1943 tritt er dem Betrachter mit hochgestelltem Mantelkragen und direktem Blick gegenüber. Mit einer Hand zeigt er den gelben Stern, mit der anderen einen auf „JUIF–JOOD“ gestempelten Ausweis. Hinter der Mauer erscheinen ein Gebäude, kahle, beschnittene Bäume und ein schwerer Himmel. Nussbaum macht die von außen aufgezwungene Identität sichtbar, ohne sich auf die Rolle eines anonymen Opfers reduzieren zu lassen: Das Bild ist Dokument der Verfolgung und zugleich ein Akt künstlerischer Selbstbehauptung. (Museumsquartier Osnabrück, Yad Vashem)
Henri Matisse beginnt 1943 mit den Vorarbeiten zu „Jazz“. Er schneidet Formen direkt aus mit Gouache bemalten Papieren und ordnet sie zu neuen Kompositionen – eine Arbeitsweise, die er als Zeichnen mit der Schere beschreibt. Tänzer, Akrobaten, Sterne und pflanzenartige Gebilde entfalten sich in leuchtenden Farben auf der Fläche. Der erst 1947 veröffentlichte Bildband entsteht während des Krieges, doch seine bewegten Formen widersetzen sich der Schwere der Zeit. Mit „Jazz“ entwickelt Matisse eine Arbeitsweise, die sein Spätwerk grundlegend verändern wird. (The Metropolitan Museum of Art)
In New York richtet Peggy Guggenheim 1943 mit „Exhibition by 31 Women“ eine der frühen großen Ausstellungen ausschließlich mit Künstlerinnen in den USA aus. Im selben Jahr zeigt sie Jackson Pollocks erste Einzelausstellung und beauftragt ihn mit dem monumentalen Gemälde „Mural“. Pollocks dichtes Geflecht aus bewegten Linien und kräftigen Farbzügen kündigt eine Malerei an, in der nicht mehr ein klar begrenztes Motiv, sondern der körperliche Vorgang des Malens die gesamte Bildfläche erfasst. Die spätere Entwicklung des Abstrakten Expressionismus ist hier bereits zu erahnen. (Centro Cultural de Belém, Peggy Guggenheim Collection)
1944
Am 6. Juni landen alliierte Truppen in der Normandie und leiten die Befreiung Westeuropas ein; Ende August wird Paris befreit. Zugleich setzt das NS-Regime Deportationen und Massenmord bis in seine letzten Monate fort. Auch der staatlich gelenkte Kunstbetrieb läuft weiter: In München findet noch 1944 die achte und letzte „Große Deutsche Kunstausstellung“ statt. Mehr als 80.000 Menschen besuchen die Schau, in der das Regime seine idealisierte, völkische Gegenwelt zur verfemten Moderne präsentiert. (Bundesarchiv, Bundeszentrale für politische Bildung, Haus der Kunst)
Felix Nussbaum und seine Frau, die Malerin Felka Platek, werden am 20. Juli in Brüssel verhaftet. Über das Sammellager Mechelen werden sie mit dem letzten Transport aus Belgien nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. Nussbaums im Versteck entstandene Bilder gehören deshalb nicht nur in die Geschichte der Moderne. Sie bewahren den Namen, den Blick und die Gedankenwelt eines Menschen, den die nationalsozialistische Vernichtungspolitik auslöschen wollte. (Yad Vashem, Jüdisches Museum Berlin)
Der aus Europa geflohene Piet Mondrian hat sich in New York noch einmal neu erfunden. In „Broadway Boogie Woogie“ von 1942/43 löst er die früheren schwarzen Gitterlinien in farbige, pulsierende Rechtecke auf. Straßennetz, elektrisches Licht und der Rhythmus des Boogie-Woogie scheinen sich gegenseitig anzutreiben. Das Bild ist streng geordnet und zugleich voller Bewegung – eine späte Begegnung zwischen europäischer Abstraktion und amerikanischer Großstadtkultur. Mondrian stirbt am 1. Februar 1944 in New York. (Museum of Modern Art)
Mit Edvard Munch, der am 23. Januar auf Ekely bei Oslo stirbt, und Wassily Kandinsky, der am 13. Dezember in Neuilly-sur-Seine stirbt, endet 1944 auch die Lebenszeit zweier Wegbereiter der Moderne. Munch hatte Angst, Krankheit und Einsamkeit in eine psychologisch aufgeladene Bildsprache verwandelt; Kandinsky hatte Farbe und Form von der Gegenstandsdarstellung gelöst und damit die abstrakte Kunst entscheidend geprägt. Ihre Wirkung reicht weit über den Expressionismus hinaus. (Munchmuseet, Centre Pompidou)
1945: Befreiung, Kriegsende und die offene Frage nach der Kunst
Am 27. Januar befreit die Rote Armee Auschwitz-Birkenau. Am 8. Mai endet mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht der Krieg in Europa und die nationalsozialistische Herrschaft bricht zusammen. Der Zweite Weltkrieg ist damit jedoch noch nicht beendet: Am 6. August wirft die US-Luftwaffe eine Atombombe auf Hiroshima, am 9. August eine weitere auf Nagasaki. Zehntausende Menschen sterben unmittelbar; viele weitere an Verletzungen und den Folgen der Strahlung. Mit der Kapitulation Japans endet der Krieg im September auch formal. Die Befreiung Europas und der Beginn des Atomzeitalters liegen nur wenige Monate auseinander. (Bundeszentrale für politische Bildung, Museum Berlin-Karlshorst, Hiroshima Prefectural Government, ICAN)
Käthe Kollwitz stirbt am 22. April in Moritzburg bei Dresden – nur wenige Tage vor dem Ende des Krieges in Europa. Ihr Berliner Wohnhaus und zahlreiche dort verbliebene Arbeiten waren 1943 bei einem Bombenangriff zerstört worden. Ihr Werk aber überdauert: die trauernden Eltern, die schützenden Mütter, die hungernden und vom Krieg gezeichneten Menschen. Kollwitz hatte die Verletzlichkeit des Lebens nie als Schwäche dargestellt. In ihren Bildern wird Fürsorge zu einer widerständigen Kraft. (Käthe-Kollwitz-Museum Berlin, Kollwitz Museum Köln)
Pablo Picasso arbeitet 1944/45 in Paris an „The Charnel House“ – „Das Leichenhaus“. Das große Schwarz-Weiß-Gemälde zeigt die übereinanderliegenden Körper einer ermordeten Familie unter einem Tisch. Picasso reagiert damit auf Fotografien aus den befreiten Konzentrationslagern, die in Zeitungen veröffentlicht werden. Teile der Leinwand bleiben offen und nur vorgezeichnet. Gerade dieses Unabgeschlossene lässt das Bild wie eine suchende, an ihre Grenzen stoßende Antwort auf ein Verbrechen erscheinen, das sich nicht in eine geschlossene Komposition zwingen lässt. (Museum of Modern Art)
Nach Kriegsende beginnt außerdem die schwierige Suche nach geraubten und verlagerten Kunstwerken. Im Munich Central Collecting Point erfassen die amerikanischen Besatzungsbehörden Gemälde, Skulpturen, Bücher und Kulturgüter, die das NS-Regime beschlagnahmt oder in Depots ausgelagert hatte. Von Herbst 1945 an werden Bestände an Herkunftsländer und frühere Eigentümer zurückgegeben. Doch viele Besitzgeschichten bleiben ungeklärt, und zahlreiche Werke gelten bis heute als verschollen. Damit wird Provenienzforschung zu einer langfristigen Aufgabe der Museen – und Restitution zu einer Frage historischer Gerechtigkeit. (Deutsches Historisches Museum, National Gallery of Art)
Während Europa seine zerstörten Städte, Institutionen und Sammlungen ordnet, beginnt Jean Dubuffet 1945 Werke zu sammeln, die außerhalb der etablierten Kunstwelt entstehen: Arbeiten von Psychiatriepatienten, Gefangenen, gesellschaftlichen Außenseitern und Autodidakten. Er prägt dafür den Begriff „Art Brut“ – rohe, unverbrauchte Kunst. Seine Suche richtet sich gegen akademische Regeln und kulturelle Hierarchien. Nach Jahren staatlich kontrollierter und ideologisch missbrauchter Kunst stellt sie eine radikale Frage: Wer entscheidet eigentlich, was als Kunst gelten darf? (Collection de l’Art Brut)
Die Kunst dieser fünf Jahre lässt sich nicht auf einen Stil reduzieren. Sie entsteht im Versteck und im Exil, als Tagebuch, Gouachefolge, Selbstbildnis, Scherenschnitt oder abstraktes Großformat. Sie schützt keine Menschen vor Bomben, Deportation oder Mord. Aber sie bewahrt Erfahrungen, widerspricht den Bildern der Macht und gibt einzelnen Menschen ihre Namen und Gesichter zurück. Zugleich entstehen in New York neue Verbindungen, aus denen die internationale Nachkriegskunst hervorgehen wird. So endet diese Timeline nicht mit einem einfachen Neubeginn, sondern mit einer offenen Aufgabe: erinnern, wiederfinden, neu sehen – und die Freiheit der Kunst gegen jede Form der Vereinnahmung verteidigen.
Die unmittelbar vorausgehenden Entwicklungen finden Sie in der Timeline 1931–1940.
